Speerfischen – Nahrung aus dem Meer für Survivalisten
von Christian Dost | EarthTrail | Letzte Aktualisierung: 20. Mai 2026
Wer im Wald jagt, hat den Hasen vor sich. Wer an der Küste jagt, hat den Fisch unter sich. Und nur einen Atemzug Reserve. Speerfischen ist die direkteste Form der Nahrungsbeschaffung aus dem Meer: ein Schwimmer, eine Harpune, ein Tauchgang. In Deutschland ist die Technik verboten, in Norwegen kostenfrei und legal. Dieser Artikel erklärt, wie sie als Survival-Skill funktioniert, welche Ausrüstung sich lohnt, welche rechtlichen Regeln in Europa gelten und warum der gefährlichste Moment nicht der Schuss ist, sondern das Auftauchen.
Was Speerfischen ist – und was es im Survival-Kontext bedeutet
Speerfischen, international Spearfishing oder Harpunenfischen, bezeichnet das Erlegen von Fischen mit einer handgeführten Wurf- oder Schusswaffe, meist im freien Wasser und ohne Pressluftgerät. Der Speerfischer hält den Atem an, taucht ab und schießt aus kurzer Distanz. Das macht die Disziplin technisch zur Schnittmenge aus Apnoe (Atemanhalten beim Tauchen, englisch Freediving) und Jagd.
Im Sport-Frame geht es um Tiefe, Größe der Beute und Trophäe. Im Survival-Frame zählt etwas anderes: Kalorien pro Aufwand, Verlässlichkeit, Risiko. Ein gut platzierter Schuss auf einen 60 cm langen Köhler liefert rund 2.000 Kilokalorien Protein und Fett. Eine Angel liefert das auch – langsamer, aber ohne Tauchgang. Speerfischen lohnt im Survival genau dort, wo Angeln nicht funktioniert: zwischen Felsen, in Tang-bewachsenen Buchten, in trüben Brandungszonen, in denen Fische auf Sicht jagen und sich vor Schatten verstecken, aber nicht vor langsamen Schwimmern.
Speerfischen in Deutschland – rechtlich untersagt
In Deutschland ist Speerfischen verboten – flächendeckend, in allen Bundesländern, auch mit gültigem Angelschein. Die rechtliche Grundlage liegt in den Landesfischereigesetzen. Verboten sind dort als Fanggeräte ausdrücklich „Fischgabeln, Harpunen, Speere, Pfeile und ähnliche grobe Werkzeuge" (etwa § 44 Niedersächsisches Fischereigesetz, sinngemäß in den anderen Ländern). Wer mit der Harpune unterwegs ist, begeht eine Ordnungswidrigkeit, in Verbindung mit weiteren Faktoren auch eine Straftat (Wilderei nach § 293 StGB).
Häufig kursiert die Aussage, in Niedersachsen sei Speerfischen über eine Sondergenehmigung möglich. Das stimmt nur sehr eingeschränkt. Ausnahmegenehmigungen werden ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke, Bestandsregulierung und nachhaltiges Gewässermanagement erteilt, nicht für die private Freizeitnutzung. Für Survivalisten, Sportler oder Hobby-Taucher gibt es diesen Weg nicht.
Wo Speerfischen in Europa erlaubt ist
Außerhalb Deutschlands ist die Rechtslage uneinheitlich. Ein paar zentrale Reviere:
Norwegen
Recreational Sea Fishing ist kostenfrei und ohne Lizenz möglich. Das gilt auch für das Speerfischen. Die Norwegische Fischereibehörde (Fiskeridirektoratet) verlangt nur, dass „handheld tackle" verwendet wird; die Harpune fällt unter diese Definition. Mindestabstand zu Fischfarmen: 100 Meter. Der Verkauf des Fangs ist verboten. Für Dorsch gilt ein Mindestmaß von 44 cm. Auch Heilbuttfischen ist zeitlich und räumlich eingeschränkt, Tiere über zwei Meter müssen sogar zurückgesetzt werden. Als Zielfisch ist Heilbutt für Speerfischer ohnehin ungeeignet, mehr dazu im Abschnitt zum Skjærgård.
Frankreich, Spanien, Italien, Kroatien
Speerfischen ist an allen Mittelmeerküsten erlaubt. Bedingungen variieren, aber drei Regeln gelten fast überall: kein Tauchgerät (Apnoe-Only), Mindestabstand zu Stränden und Häfen (meist 100–150 Meter), Anmeldung oder Lizenz erforderlich. In Marine-Schutzgebieten ist Speerfischen generell verboten.
Großbritannien, Irland
Erlaubt in Küstengewässern, ohne Lizenz. Wenige Beschränkungen, dafür kaltes Wasser und schlechtere Sicht als im Mittelmeer.
Ausrüstung zum Speerfischen
Speerfischen ist eine Disziplin mit wenig Material und viel Verantwortung.
Harpune
Drei Bauarten dominieren. Der Pole Spear ist eine ein bis zwei Meter lange Stange mit Wechselspitze. Am hinteren Ende sitzt eine geschlossene Gummischlaufe. Du legst diese Schlaufe um Daumen und Handfläche und ziehst den Speer mit der anderen Hand nach hinten, sodass sich das Gummi spannt. Beim Loslassen schießt der Speer nach vorn, bleibt aber über die Schlaufe mit deinem Arm verbunden und kann sofort zurückgezogen werden. Reichweite ein bis zwei Meter, billig, robust, ideal für Einsteiger und für die Survival-Variante. Das Sling Spear (Hawaiian Sling) funktioniert wie eine Speer-Schleuder, bei der ein Stück Hartgummi den kurzen Speer spannt. Reichweite zwei bis vier Meter. Das Speergewehr (englisch Speargun) gibt es als Gummizug- oder Pneumatik-Variante. Reichweite vier bis sieben Meter, höhere Durchschlagskraft, deutlich teurer, in vielen Ländern für Einsteiger eingeschränkt.
Tauchausrüstung
Du brauchst eine Apnoe-Maske mit niedrigem Innenvolumen, einen Schnorchel ohne Ventile und lange Apnoe-Flossen. Das geringe Innenvolumen der Maske ist deshalb wichtig, weil du auf Tiefe Luft aus der Lunge in die Maske nachblasen musst, um den steigenden Außendruck auszugleichen. Je kleiner der Innenraum, desto weniger Atemluft kostet dich dieser Vorgang. Bei den Flossen wählst du als Einsteiger Kunststoff, weil das Material günstig und robust ist. Carbon liefert mehr Vortrieb pro Schlag, bricht aber schneller beim Anstoßen an Felsen oder Steinen. Diese Investition lohnt erst, wenn deine Technik gefestigt ist. In skandinavischen Gewässern ist außerdem ein Neoprenanzug mit 5 bis 7 mm Stärke Pflicht. Der Skjærgård liegt sommerlich bei 12 bis 16 Grad Wassertemperatur, der menschliche Körper kühlt darin innerhalb einer Stunde aus.
Sicherheit
Eine Auftriebsboje mit Fahne markiert deine Position für Bootsverkehr, dient als Pausenpunkt und als Träger für die Fangleine. Ein Tauchermesser am Bein, nicht zur Verteidigung, sondern um sich aus Tang oder gerissenen Leinen zu befreien. Ein Bleigurt zum Tarieren, damit du nicht ständig gegen den Auftrieb des Neoprenanzugs ankämpfst.
Kein Tauchgerät beim Speerfischen, selbst wenn lokal erlaubt. Die Kombination aus Pressluft und Harpune ist in fast allen Ländern eine eigene Verbotskategorie.
„Bei Anfängern scheitert es oft am Neopren. Sie kaufen 3 Millimeter, weil sie das aus wärmeren Gewässern kennen, und sind nach zwanzig Minuten so ausgekühlt, dass sie nicht mehr ruhig zielen können. Im Skjærgård brauchst du Wärmeschutz, bevor du an die Beute denkst." – Christian Dost, EarthTrail
Technik – Apnoe, Anschleichen, Schuss, Bergen
Wer Speerfischen ernsthaft betreiben will, beginnt nicht mit dem Speer, sondern mit einem Apnoe-Grundkurs an Land und im Schwimmbad. Anerkannte Zertifizierungen kommen von Verbänden wie AIDA, CMAS oder PADI Freediver. Atemtechnik, Druckausgleich und Notfallreaktionen müssen sitzen, bevor eine Harpune ins Wasser kommt. Erst dann ergibt die folgende Sequenz aus vier Phasen Sinn, die jeder Tauchgang neu durchläuft.
Atemtechnik
An der Oberfläche ruhig und langsam atmen, niemals hyperventilieren (siehe Sicherheits-Kapitel weiter unten). Vor dem Abtauchen ein kontrolliertes, tiefes Einatmen, das Bauch und Brustkorb füllt. Kein Pressen.
Druckausgleich
Beim Abtauchen drückt das Wasser auf die Trommelfelle. Du musst alle ein bis zwei Meter ausgleichen, das nennt sich Druckausgleich oder Equalisierung. Der Profi-Standard heißt Frenzel-Manöver. Du hältst die Nase mit den Fingern zu und drückst die Zunge im Mund nach hinten und oben, ähnlich der Bewegung beim Buchstaben K. Der so entstehende Druck im Mund-Rachen-Raum öffnet die Ohren von innen. Wichtig: nicht aus der Lunge pressen. Das überdehnt auf Dauer die Trommelfelle und kostet Sauerstoff, den du beim Tauchgang brauchst. Wer das nicht beherrscht, taucht maximal drei bis vier Meter und bekommt darunter Schmerzen im Mittelohr.
Pirsch
Im Skjærgård jagen Köhler und Pollack auf Sicht. Du näherst dich langsam, ohne Flossenschlag, ohne abrupte Bewegung. Tang und Felsen als Tarnung nutzen. Der Fisch entscheidet die Distanz: Wer drückt, vertreibt das Tier.
Schuss und Bergung
Zielzone ist die obere Schulter direkt hinter den Kiemen. Dort sitzt die Wirbelsäule, ein Treffer setzt den Fisch sofort still. Ein Bauchschuss zerstört Filet und lässt den Fisch fliehen. Bei Sling und Speergewehr zieht nach dem Schuss die Holding Line (Fangleine) den Speer mit dem Fisch an die Boje. Beim Pole Spear bleibt der Speer ohnehin am Arm, eine Leine ist hier nicht nötig. Der Fisch wird sofort betäubt und getötet. Profis nutzen dafür das japanische Verfahren Ikejime: Ein dünner Stahldorn, der Spike, sticht durch eine kleine Vertiefung zwischen Augen und Seitenlinie ins Gehirn. Wer keinen Spike dabei hat, bricht stattdessen das Genick durch festen Druck hinter dem Kopf nach hinten. Das ist Pflicht aus Tierschutzgründen und sorgt zudem für deutlich bessere Fleischqualität.
Sicherheit – Shallow Water Blackout und das Buddy-System
Die häufigste Todesursache beim Speerfischen ist nicht der Hai, nicht die Strömung und nicht das Boot. Es ist der Shallow Water Blackout (Bewusstlosigkeit durch Sauerstoffmangel beim Auftauchen aus geringer Tiefe). Der Mechanismus ist zynisch: Wer vor dem Tauchgang hyperventiliert, spült Kohlendioxid aus dem Blut. Der Atemreflex wird unterdrückt, der Sauerstoffbedarf bleibt. Der Taucher fühlt sich gut und bleibt lange unten. Beim Aufstieg fällt der Umgebungsdruck, der Sauerstoff-Partialdruck im Blut sinkt schlagartig. Zwischen drei Metern Tiefe und der Wasseroberfläche kippt das Bewusstsein. Ohne Vorwarnung, ohne Kampf. Das Divers Alert Network beschreibt Shallow Water Blackout als zentrale, oft tödliche Gefahr beim Freitauchen und Speerfischen, gerade dann, wenn Taucher ihre Grenzen überschreiten.
Was funktioniert dagegen
Buddy-System nach „One Up, One Down". Einer taucht, einer schaut. Der Beobachter folgt dem Tauchpartner mit Blick und ist bereit, ihn an der Oberfläche zu sichern. Nach jedem Auftauchen folgt ein Sichtcheck über mindestens 30 Sekunden, bei dem Atmung, Hautfarbe und Reaktion geprüft werden. Bewusstseinsverlust tritt manchmal verzögert auf, wenn das Sauerstoffdefizit gerade so bis an die Oberfläche reicht. Solo-Speerfischen ist ein verbreiteter Brauch und ein verbreiteter Sterbegrund.
Warnsignal Luftblasen. Eine plötzliche, große Luftblase aus dem Mund während des Aufstiegs ist das eindeutige Zeichen für eine beginnende Bewusstlosigkeit. Reaktion: sofort hin, Gesicht über Wasser bringen, Maske und Bleigurt entfernen, Atemwege freihalten, nach wenigen Sekunden Beatmen, wenn keine Eigenatmung einsetzt.
Keine Hyperventilation vor dem Tauchgang. Maximal zwei oder drei tiefe, langsame Atemzüge zur Vorbereitung. Kein schnelles Pumpen.
Welche Fische du im norwegischen Skjærgård speerst
Der Skjærgård, die südnorwegische Schärenküste, ist ein Speerfischen-Revier mit überschaubarer Artenliste, klaren Saisonzeiten und kalter, aber meist klarer Sicht.
Köhler (Pollachius virens), englisch Saithe oder Coalfish
Schwarz-grüner Schwarmfisch, oft in Trupps von zehn bis hundert Tieren. Verhält sich neugierig und schwimmt aktiv auf Taucher zu, das macht ihn zum häufigsten Anfänger-Fang. Tiefen drei bis fünfzehn Meter, ganzjährig, besonders aktiv von Mai bis Oktober.
Pollack (Pollachius pollachius)
Naher Verwandter, oberkieferständig, hellbrauner Rücken. Einzelgänger, oft an Strukturen wie Felsabbrüchen oder Bootswracks. Skeptischer und scheuer als Köhler, dafür größer: Tiere bis 80 cm sind keine Seltenheit.
Makrele (Scomber scombrus)
Frei schwimmender Schwarmfisch (pelagisch, also nicht am Grund lebend), hochkalorisch und fettreich. Ab Ende Mai bis September in den Fjorden, oft in dichten Schwärmen an der Oberfläche. Schwer zu spearen, weil schnell und nervös, aber bei guter Sicht ein lohnendes Ziel.
Hering und Wittling spielen für den Speerfischer eine Nebenrolle, zu klein und zu schnell für das Aufwand-Ertrag-Verhältnis.
Heilbutt
Großer Plattfisch, kann mehrere Meter erreichen. Rechtlich heikel: Vom 20. Dezember bis 20. April ist Heilbuttfischen in der gesamten norwegischen Wirtschaftszone verboten. Alle Tiere über zwei Meter müssen zurückgesetzt werden, hier aus Gründen der Schadstoffbelastung, nicht des Bestandsschutzes. Aus Survival-Sicht ist Heilbutt kein realistisches Ziel. Das Tier liegt am Grund in zehn bis dreißig Metern Tiefe, ein Schuss aus dieser Distanz erfordert Erfahrung, die der Survival-Kontext nicht hergibt.
Was du im Coast Survival Training lernst
In Deutschland kannst du Speerfischen nicht legal lernen. Auf der Coast Survival Expedition in Norwegen, auf einer isolierten Insel im südnorwegischen Skjærgård, kannst du die Methode unter Anleitung ausprobieren. Das ist keine systematische Spearfishing-Ausbildung, sondern ein geführter Praxisbezug mit Pole Spear oder Sling, mit Buddy-Pflicht und in sicherem Rahmen. Wer das ergänzen will: Die Apnoe-Grundlagen behandeln wir im Detail im Artikel zum Sea Survival Training, die nicht-tierischen Nahrungsquellen aus dem Meer findest du unter Essbare Algen und Strandbeute. Der Überblick über alle Risiken an der Küste steht im Hub-Artikel Gefahren an der Küste.
„Speerfischen ist im Survival selten der erste Schritt. Erst kommt Wärme, dann Wasser, dann Pflanzennahrung und Muscheln. Der Speer wird erst interessant, wenn du Tage hast und Bedingungen, in denen sich der Tauchgang lohnt." – Christian Dost, EarthTrail
Auf einen Blick
Speerfischen ist in Deutschland verboten und gilt rechtlich als Fischwilderei. In Norwegen ist es kostenfrei und ohne Lizenz möglich, solange du eine handgeführte Harpune nutzt, 100 Meter Abstand zu Fischfarmen hältst und den Fang nicht verkaufst. Das größte Sicherheitsrisiko ist nicht der Schuss, sondern der Aufstieg: Shallow Water Blackout tötet auch trainierte Taucher in Schwimmbadtiefe. Wer Speerfischen ernsthaft lernen will, beginnt mit Pole Spear, festem Buddy-System und passender Ausrüstung. Und übt dort, wo die Methode legal ist.
Häufige Fragen
Nein. Die Landesfischereigesetze verbieten Harpunen, Speere und ähnliche Werkzeuge als Fanggerät. Auch ein gültiger Angelschein ändert daran nichts. Ausnahmegenehmigungen gibt es nur für wissenschaftliche oder gewässerregulierende Zwecke, nicht für Freizeit.
Nein. Recreational Sea Fishing im Salzwasser ist in Norwegen für Privatpersonen kostenfrei und nicht lizenzpflichtig. Du musst eine handgeführte Harpune verwenden, mindestens 100 Meter Abstand zu Fischfarmen halten und darfst den Fang nicht verkaufen. Für Süßwasser gelten andere Regeln.
Pole Spear oder Sling Spear, Apnoe-Maske mit niedrigem Innenvolumen, Schnorchel, lange Apnoe-Flossen, Neoprenanzug 5 bis 7 mm für Skandinavien, Bleigurt, Auftriebsboje mit Fahne, Tauchermesser. Speergewehre sind für Anfänger nicht nötig und in mehreren Ländern eingeschränkt.
In Deutschland kannst du Speerfischen aus rechtlichen Gründen nicht praktisch lernen. Der übliche Weg ist ein Apnoe-Grundkurs im Inland mit Theorie und Schwimmbad, danach praktisches Training im Ausland, zum Beispiel in Norwegen, Kroatien oder Frankreich. Wichtig ist die Reihenfolge: erst Apnoe, dann Harpune.
Die mit Abstand häufigste Todesursache ist Shallow Water Blackout: Bewusstlosigkeit durch Sauerstoffmangel beim Auftauchen, ausgelöst durch Hyperventilation vor dem Tauchgang. Die wirksamste Gegenmaßnahme ist das Buddy-System nach „One Up, One Down". Hai- oder Strömungsunfälle spielen statistisch eine untergeordnete Rolle.