In einer plötzlich entstehenden lebensbedrohlichen Situation reagiert der Mensch ohne nachzudenken mit evolutionär angelegten Überlebensreflexen. Diese Reflexe sind lebenserhaltende Reaktionsweisen, die bei Mensch und Tier gleichermassen vorkommen und werden durch durch das limbische System (Amygdala) gesteuert. Sie umgehen die Regulation durch das Grosshirn/ Denken und sind darauf ausgelegt, eine schnelle, adäquate und unmittelbare Handlung zu ermöglichen.

 Aktivierte Überlebensreflexe: Kampf, Flucht oder Totstellen

Aktivierte Überlebensreflexe: Kampf, Flucht oder Totstellen

Bei Gefahr befähigen sie, ohne vorheriges Nachdenken, Reflektieren oder Bewerten, diese schnellstmöglich abzuwehren. Die Überlebensreflexe werden also nicht durch das Denken gesteuert, sondern arbeiten als eine Art Autopilot, unabhängig von steuernden Bewusstseinsprozessen. (1, 2)

Man unterscheidet zwischen drei Grundreaktionsmustern: Flucht, Kampf und Totstellen. Die beiden ersteren werden durch den Sympathikus ("Stressnerv") vermittelt und sind darauf ausgelegt, die Situation unter Einsatz aller nötigen Energie- und Stoffwechselreserven, aktiv zu beenden. Der Totstellreflex wird durch eine Aktivierung des Parasympathikus (Entspannungsnerv) (bei gleichzeitig bestehender Sympathikusaktivität) ausgelöst und führt zur unmittelbaren Starre und Bewegungslosigkeit des Organismus.

Welches dieser drei Grundreaktionsmuster aktiviert wird, hängt im Wesentlichen von der Bedrohungssituation selbst und den zur Verfügung stehenden körperlichen und psychischen Ressourcen ab. Besteht die Möglichkeit, die Gefahr aktiv zu beenden, greift der Organismus auf die Reflexe Flucht oder Kampf zurück. Wird die Bedrohung als zu übermächtig und ausweglos bewertet, verfällt der Körper in die Bewegungslosigkeit des Totstellreflexes. Daneben existieren eine Reihe weiterer Faktoren, die über die "Auswahl" des jeweiligen Musters entscheiden.

Man geht heute davon aus, dass man mit einer Affinität zur Reaktion mit bestimmten Überlebensreflexen geboren wird. (3) Diese Veranlagung kann weiterhin durch Erfahrungen mit ähnlichen Situationen und von erlernten Verhaltensweisen (Konditionierung) beeinflusst werden. Einige Autoren vertreten zudem die Auffassung, dass geschlechtsspezifische Unterschiede existieren und Männer auf Bedrohungen häufiger mit Kampf oder Flucht, Frauen und Kinder häufiger mit Erstarrung reagieren. (4)


Kampf-Flucht-Reflex

Wie oben beschrieben, kommt es beim Kampf-Flucht-Reflex zu einer Überaktivierung des sympathischen Nervensystems. Der Reflex ist (im Anschluss an die Schreckphase/ Schrecksekunde) nach etwa 0,5 bis 1 Minute maximal mobilisiert und von der Wirkung der ausgeschütteten Hormone Adrenalin, Noradrenalin und dem etwas langsameren, dafür länger wirkenden Stresshormons Kortisol stimuliert.

Der gesamte Organismus wird auf maximale Leistungsfähigkeit umgestellt. Energiereserven werden mobilisiert, die Muskulatur wird stark durchblutet, Herzfrequenz und Atmung vertiefen sich und alle überflüssigen Körperfunktionen (insb. Verdauung, Gehirnfunktion) werden eingestellt. Der Körper ist hochalarmiert, hoch wach und je nach Situation in absoluter Flucht- oder Verteidigungsbereitschaft. Zur Gefahrenabwehr werden nun alle verfügbaren Mittel des Organismus eingesetzt.

In Folge der Aktivierung der Notprogramme Flucht und Kampf werden typische Emotionen (v.a. Wut, Trauer, Angst) hervorgerufen, die sich in Wechselwirkung mit den körperlichen Abläufen befinden und diese begleiten und verstärken. Aggressionen finden ihren Ausdruck in Drohgebärden und Drohmimik. Fluchtverhalten ist charakterisiert durch schnelle motorische Reaktionen. Nach erfolgreichem Ausagieren der Reflexe erfolgt eine emotionale Normalisierung des Zustandes. (1, 5)

 Survival Psychologie: Evolutionäre Grundreaktionsmuster

Survival Psychologie: Evolutionäre Grundreaktionsmuster

Insgesamt müssen die Begriffe Kampf und Flucht nicht wörtlich aufgefasst werden. "Kampf" kann auch das Herangehen an die angst-/ stressauslösende Situation, den Versuch, das Problem aktiv zu lösen verstanden werden. Als "Flucht" können verschiedene Arten von Rückzug aus den belastenden Situationen, auch Fluchtimpulse, nicht nur wirkliches Weglaufen interpretiert werden. (5)


Totstellreflex

Wird die Gefahr vom Gehirn als zu übermächtig und bedrohlich und Flucht und Kampf als aussichtslos interpretiert, reagiert das limbische System innerhalb von etwa 15 Sekunden mit der Aktivierung des Totstellreflexes. (6) Diese Aktivierung erfolgt durch die Einflussnahme des Parasympathikus bei bereits vorhandener Sympathikusdominanz. Beide grundsätzlich gegensätzlich wirkende Steuerungsmechanismen ziehen die typische Erstarrung und den leblosen, todesähnlichen Zustand des Organismus (tonische Immobilität) nach sich. (4)

Der Reflex tritt immer dann auf, wenn "alle Hoffnung verloren ist" und eine Flucht als unmöglich erscheint. Dies gilt insb. für  Situationen die abrupt auftreten und extrem ungewohnt sind, für die also keine vergleichbaren "Daten" in Form von Bewertungs- und Bewältigungsstrategien existieren. Insgesamt ist der Totstellreflex in Notsituationen häufiger zu beobachten, als die Reaktionen Flucht oder Kampf. (3)

In der Angststarre versteift sich die Skelettmuskulatur des Betroffenen, die Atmung wird schnell und flach und der Puls sinkt deutlich ab. Die Kontrolle über die Körperfunktionen lässt nach. (6) Der Körper ist wie betäubt und empfindungslos, die Gefühle werden abgeschaltet und es kommt zu intensiver Dissoziation auf körperlicher und psychischer Ebene. (7) Der Körper reagiert selbst bei intensiver und schmerzhafter Stimulation nicht mehr und ist häufig komplett schmerzunempfindlich. (5) Manchmal treten parkinsonähnliche Zuckungen auf. Dabei nimmt das Gehirn die ganze Zeit über bewusst wahr, was passiert, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. (3)

Der Totstellreflex ist vor allem an die Emotion Todesangst gekoppelt und durch massive Dissoziation gekennzeichnet. Er kann verbunden sein mit Gefühlen von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein (7) oder auch gekennzeichnet von völliger Angstfreiheit. Viele Opfer berichten von dem übermässigen Drang, sich nicht mehr zu bewegen und konnten sich nur durch Gedanken an Zurückgebliebene und insb. ihre Kinder aus diesem Zustand befreien. (3)

Da das Stressniveau nicht durch Ausagieren aktiv abgebaut wird, können Körper und Emotionen noch lange in einem "eingefrorenen" Zustand verharren. (1) Noch Minuten bis Stunden nach Ende der Bedrohung kann die Lähmung anhalten. Aus Tierversuchen wurde deutlich, dass der Totstellreflex direkt proportional zum Angstgrad der Versuchstiere stand, je mehr Angst, desto intensiver und dauerhafter die Starre. (3)

Der evolutionäre Sinn der Angststarre liegt offensichtlich darin begründet, dass viele Raubtiere ihre Beute nur bei Bewegung angreifen und nicht auf bewegungslose Tiere reagieren. (5) Vermeintlich tote Tiere werden nicht gefressen und können später flüchten. Eine weitere Funktion der tonischen Immobilität ergibt sich aus der auftretenden Schmerzunempfindlichkeit. Todesangst und körperlicher Schmerz des Beutetiers werden im Moment höchster Qual stark vermindert. (4)
 

Quellen

(1) http://traumainfo.de/?p=118
(2) http://www.ahg.de/AHG/Standorte/Muenchwies/Klinik/Wer_sind_wir/PDF-Dateien/Konzepte_Heft_07_Trauma.pdf
(3) Survive: Katastrophen - Wer sie überlebt und warum, Ripley, S. 240 ff.
(4) http://www.kinder-cranio.de/files/Traumabehandlung.pdf
(5) http://www.panik-attacken.de/index.php/angststgen-mainmenu-2/vegetatives-nervensystem-mainmenu-38/61-vegetatives-nervensystem-erblick--das-vegetative-nervensystem
(6) http://de.wikipedia.org/wiki/Angststarre
(7) http://www.schotterblume.de/index.php?navid=2