Unterkühlung im kalten Wasser – Cold Water Shock, Hypothermie und wie du sie überlebst

von Christian Dost | EarthTrail | Letzte Aktualisierung: 20. Mai 2026

Wer in zwölf Grad kaltes Wasser fällt, hat drei Minuten, eine unwillkürliche Körperreaktion zu kontrollieren. Diese drei Minuten entscheiden über das Überleben mehr als jede Rettung danach. Unterkühlung im Wasser läuft in vier Stadien ab: Cold Water Shock, Schwimmversagen, Hypothermie und Bergungstod. Jedes hat eine eigene Physiologie, ein eigenes Zeitfenster und einen typischen Fehler. Dieser Artikel zeigt, was im Körper passiert und wie du jedes Stadium übersteht.

Cold Water Shock – die ersten drei Minuten

Was im Körper passiert

Cold Water Shock, im Deutschen auch Kaltwasserschock oder Kälteschock, beschreibt die Sofortreaktion des Körpers beim Eintauchen in Wasser unter 16 Grad. Über die Kälterezeptoren in der Haut werden dabei zwei Reflexe gleichzeitig ausgelöst. Der erste ist ein unwillkürlicher tiefer Atemzug von zwei bis drei Litern Volumen, in der Fachliteratur Gasp-Reflex genannt. Ist dein Mund in diesem Moment unter Wasser, atmest du Wasser ein. Aber auch ohne Ertrinken bleibt die Phase kritisch. Direkt nach dem ersten Reflex setzt Hyperventilation ein: Die Atemfrequenz schießt von normalen zwölf auf 40 bis 60 Atemzüge pro Minute. Der Blutdruck steigt um 30 bis 50 mmHg, was Gesunde tolerieren, Vorerkrankte aber gefährdet. Die Fähigkeit, den Atem anzuhalten, fällt von rund 60 Sekunden auf wenige Sekunden ab.

Die Reaktion erreicht ihr Maximum nach 30 Sekunden und klingt über zwei bis drei Minuten ab. Wer das übersteht, hat das gefährlichste Stadium hinter sich.

Was du tust

Erstens: bewusst langsam ausatmen, nicht gegen den Reflex ankämpfen. Zweitens: mit einer Hand einen Auftriebspunkt sichern, ein Boot, einen Felsen, ein Stück Treibholz. Drittens: nicht rufen, die Hyperventilation lässt keine Sprache zu, Rufversuche produzieren nur Schluckatmer.

Was Cold Water Shock nicht ist

Kein Kraftproblem. Auch ein durchtrainierter Schwimmer hat in den ersten drei Minuten keine Kontrolle über den Atemreflex. Viele Opfer von Cold-Water-Shock-Unfällen sind laut DLRG erfahrene Wassersportler. Der Reflex lässt sich nicht abgewöhnen, das richtige Verhalten in den ersten Minuten allerdings trainieren.

„Den Cold Water Shock kann man beim Eisbaden bewusst erleben. Die ersten Sekunden im Wasser sind purer Reflex, kein Kopf. Wer einmal kontrolliert ausatmet, bekommt seinen Körper zurück. Wer dagegen kämpft, wird panisch." – Christian Dost, EarthTrail

Schwimmversagen – Stadium 2 (3 bis 30 Minuten)

Sobald die ersten Minuten überstanden sind, beginnt Stadium 2. Die kalte Muskulatur verliert binnen Minuten 60 bis 80 Prozent ihrer Kraft und Koordination. Die Fingerkraft sinkt nach fünf Minuten in 5-Grad-Wasser laut IMO-Daten um rund 20 Prozent. Hände werden zu Klauen, Beine schlagen unrhythmisch, der Schwimmstil bricht zusammen. Die DLRG identifiziert dieses Schwimmversagen als häufigste Todesursache in kaltem Wasser. Nicht die Unterkühlung tötet hier. Es ist die Erschöpfung beim Versuch ans Ufer zu kommen.

Was nicht funktioniert

Ans Ufer schwimmen über mehr als 200 Meter bei Wassertemperaturen unter 15 Grad. Du verbrauchst Wärme schneller, als du Strecke machst. Auch sportliches Tempo beschleunigt das Auskühlen, weil bei jedem Schwimmzug mehr kaltes Wasser über die Haut strömt.

Was funktioniert

Auftrieb sichern, Position halten, sichtbar bleiben. Wer ruhig in HELP-Position (Details siehe unten) oder an einem Auftriebskörper liegt, verlangsamt das Auskühlen drastisch. Wer wartet, überlebt länger als derjenige, der das Ufer ansteuert.

Hypothermie – wenn die Kerntemperatur fällt

Ab etwa Minute 30 in Wasser unter 15 Grad beginnt die eigentliche Unterkühlung. Die Kerntemperatur sinkt unter 35 Grad. Drei Schweregrade lassen sich unterscheiden:

HT I (leicht hypotherm, 32 bis 35 °C)

Heftiges Zittern, kalte Haut, klare Sprache. Der Körper kämpft mit Erfolg. Bei passender Versorgung ist eine vollständige Erholung zu erwarten.

HT II (mittelschwer, 28 bis 32 °C)

Das Zittern lässt nach, kein gutes Zeichen, sondern der Beginn der Entgleisung. Verwirrtheit, verwaschene Sprache, Apathie. Selbsthilfe ist hier nicht mehr möglich.

HT III (schwer, unter 28 °C)

Reaktion nur noch auf Schmerz oder gar nicht. Atmung flach, Puls kaum tastbar.

HT IV

Klinisch tot wirkend, kein nachweisbarer Kreislauf. Reanimation auch nach langer Dauer möglich, daher Pflicht bis zur ärztlichen Übernahme.

Wasser leitet Wärme rund 25-mal besser als Luft. In der Praxis kühlt der Körper aber nur etwa viermal schneller aus, weil die Gefäßverengung in der Haut den Wärmeabfluss drosselt und in Luft Verdunstungsverluste hinzukommen, die im Wasser wegfallen. Ohne Schutzkleidung erreicht man in 10-Grad-Wasser HT I nach 30 bis 60 Minuten, HT II nach ein bis zwei Stunden.

Bergungstod – das vierte Stadium

Wer aus dem Wasser kommt, ist nicht automatisch außer Lebensgefahr.

Im Wasser zieht der Körper Blut aus den Extremitäten in den Kern. Arme und Beine kühlen weit unter Kerntemperatur ab. Sobald die Person geborgen wird oder sich bewegt, strömt das ausgekühlte Blut aus den Extremitäten Richtung Herz zurück. Das Phänomen heißt Afterdrop. Die Kerntemperatur fällt nach der Rettung um ein bis zwei Grad. Bei einem Patienten am unteren Rand der Hypothermie reicht das, um Kreislaufstillstand auszulösen, den sogenannten Bergungstod.

Was Helfer bei Hypothermie tun (Reihenfolge zwingend)

  1. Horizontal bergen. Nicht senkrecht aus dem Wasser ziehen. Mit Rettungsbrett, Bergeschlinge oder horizontal über die Bordwand. Beim senkrechten Hochziehen sackt das Blut aus dem Kopf in die Beine, der Blutdruck im Gehirn fällt – Kreislaufversagen kann die Folge sein.
  2. Bewegung minimieren. Patient in Rückenlage stabil halten. Extremitäten nicht über Herzhöhe heben. Nicht reiben, nicht massieren.
  3. Nasse Kleidung aufschneiden, nicht abziehen. Bewegung kostet Wärme und verstärkt den Afterdrop.
  4. Passiv wärmen. Trockene Decken, Rettungsdecke um den Körperstamm, windgeschützte Lage. Keine Wärmflasche, Heizdecke oder heißes Wasser, sie weiten die Gefäße zu schnell und beschleunigen den Afterdrop.
  5. Getränke nur bei Bewusstsein: warm, gezuckert, ohne Alkohol. Bei Bewusstlosigkeit nichts oral.
  6. 112 wählen, sofort.
Hinweis: Hypothermie mit Bewusstseinstrübung gehört in professionelle Hand. Reanimation folgt eigenen Regeln und kann auch nach langer Dauer erfolgreich sein, weil die Kälte den Sauerstoffbedarf des Gehirns drastisch senkt und Zellen länger überleben. „No one is dead until warm and dead" ist Lehrbuchstand.

Wassertemperaturen verstehen – wann wird es gefährlich?

Wassertemperatur entscheidet nicht über das Ob, sondern über das Wie schnell. Unter 16 Grad löst der Körper Cold Water Shock aus. Unter 12 Grad beschleunigen sich alle späteren Stadien deutlich.

Wassertemperatur Cold Water Shock Geschätzte Überlebenszeit (ohne Schutzanzug)
Unter 4 °C Sehr stark 30 bis 45 Minuten
4 bis 10 °C Stark 1 bis 2 Stunden
10 bis 15 °C Stark 1 bis 6 Stunden
15 bis 21 °C Moderat 2 bis 12 Stunden
Über 21 °C Gering Stunden bis Tage

Werte gelten für gesunde Erwachsene mit Auftriebshilfe in stiller Lage, etwa in HELP-Position. Mit Trockenanzug verschieben sich alle Werte deutlich nach oben.

HELP und HUDDLE – Position halten statt schwimmen

Direkt an der Haut, vor allem unter Kleidung, bildet sich eine dünne Schicht erwärmten Wassers, die wie eine zweite Isolationsschicht wirkt. Bewegung verdrängt sie, frisches kaltes Wasser strömt nach und die Auskühlung beschleunigt sich. Wer im Wasser ruhig bleibt, hält länger durch. Genau das ist der Grundgedanke der HELP- und HUDDLE-Positionen.

Die HELP-Position (Heat Escape Lessening Position, also wärmesparende Haltung im Wasser) reduziert die Auskühlrate gegenüber Wassertreten um etwa ein Drittel und verlängert die effektive Überlebenszeit damit um rund 50 Prozent. Die Technik geht auf John Hayward (Kanada, 1973) zurück und ist heute internationaler Standard. DLRG und Deutsche Flagge (BSH/IMO) übernehmen sie unverändert.

Wie sie aussieht

Knie an den Brustkorb ziehen, Arme darum, Kopf so wenig wie möglich im Wasser, Körper still halten. Geschützt werden die drei größten Wärmeverlustzonen: Leiste, Achseln und Brustkorb, Hals und Kopf.

Was sie voraussetzt

Eine Auftriebshilfe. Ohne Schwimmweste, Rettungsring oder anderen Auftriebskörper sinkst du in dieser Haltung ab.

In Gruppen: HUDDLE (englisch: sich zusammendrängen)

Drei bis sechs Personen stellen sich im Wasser einander gegenüber und umarmen sich auf Brusthöhe. Die Brustkörbe, eine der größten Wärmeverlustzonen, berühren sich, gemeinsame Körperwärme wird konserviert. Die Köpfe zeigen nach außen, damit alle die Umgebung im Blick haben und Rettungsteams die Gruppe leichter sehen. Kinder, Verletzte oder bereits Unterkühlte gehen in die Mitte, wo die Wärmebilanz am besten ist.

Wenn keine Schwimmweste zur Hand ist

Erste Option: Treibgut greifen. Bootsteile, Holz, leere Plastikflaschen, alles was trägt. Findet sich nichts, kann eine zugeknotete Hose mit etwas Übung als Luftkissen dienen. Geht auch das nicht: Rückenlage. Kopf zurück, Arme leicht seitlich, Beine still. Aufrechtes Wassertreten verbrennt rund doppelt so viel Energie wie HELP und ist nach wenigen Minuten nicht durchhaltbar.

Schutzkleidung – Trockenanzug, Neoprenanzug, Schwimmweste

Drei Faktoren entscheiden im kalten Wasser: Auftrieb, Isolation und Sichtbarkeit.

Schwimmweste

Kein Cold-Water-Schutz ohne Auftrieb. Eine ohnmachtssichere Rettungsweste mit Kragen hält den Kopf auch bei Bewusstlosigkeit über Wasser. Newton (N) ist die Maßeinheit der Auftriebskraft, je höher der Wert, desto mehr trägt die Weste. Für Küstengewässer und offene See gilt: SOLAS-konformer Auftrieb. SOLAS steht für „Safety of Life at Sea", die internationale Sicherheitskonvention der Seeschifffahrt, und legt verbindliche Mindeststandards fest – über 150 N Auftrieb, fester Kragen, Notlicht, reflektierende Streifen. Für Binnengewässer reichen 100 N mit Kragen.

Neoprenanzug

Der Neoprenanzug lässt einen dünnen Wasserfilm zwischen Haut und Material zu. Dieser Film wird vom Körper auf rund 30 Grad erwärmt und wirkt selbst als Isolation. Bei einer Wassertemperatur zwischen 12 und 18 Grad ist Neopren ein guter Kompromiss aus Wärmeschutz und Beweglichkeit. Materialstärke ab 5 mm, sinnvoll mit Haube, Handschuhen und Füßlingen. Faustregel: Je dicker der Neopren, desto besser der Schutz vor Unterkühlung, desto eingeschränkter aber auch die Bewegungsfreiheit.

Trockenanzug

Lässt kein Wasser an die Haut. Die Wärmedämmung kommt aus der getragenen Unterbekleidung. Unter 12 Grad Wassertemperatur die einzige Option für längere Aufenthalte im Wasser. Ein Trockenanzug macht den Unterschied zwischen einer halben Stunde und mehreren Stunden Überlebenszeit.

Im kalten Wasser zählt die Kleidung mehr als die Kondition.

Im Skjærgård – warum Norwegen anders ist

Unsere Coast Survival Expedition führt im September eine Woche in den südnorwegischen Skjærgård bei Mandal. Die Wassertemperaturen liegen dort im Mai bei 9 bis 12 Grad, im September (Zeitraum unserer Expedition) bei 15 bis 17 Grad. Das klingt nach süddeutschem Sommer am Bodensee. Ist es nicht.

Was die Schärenküste tückisch macht

Erstens fehlt der flache Strand. Wer ins Wasser geht, hat keinen Sandboden zum Stehen. Das nächste Ufer ist oft eine glatte, mit Algen überzogene Felskante, kein einfacher Ausstieg. Zweitens kippt das Wetter schnell. Was morgens Spiegelglätte war, kann mittags 4 Beaufort sein, also mäßiger Wind mit Schaumkronen. Wer beim Paddeln über Bord geht, hat oft Wind, Welle und Strömung gleichzeitig gegen sich. Strömungen entlang der Schären, siehe Rip Current und Brandungsrückströmung, verschärfen die Auskühlung. Drittens sind die Wege zur nächsten bewohnten Stelle weiter als auf Helgoland. Selbstrettung wird zur Pflicht.

Wer den Cold Water Shock vor der Expedition unter Anleitung erleben will, beginnt mit unserem Sea Survival Zusatztag. Mehr Inhalte gibt es separat im Artikel Sea Survival Training.

Auf einen Blick

Cold Water Shock tötet in den ersten drei Minuten durch Gasp-Reflex und Hyperventilation, nicht durch Kälte. Schwimmversagen tötet in den nächsten 30 durch Kraft- und Koordinationsverlust. Hypothermie folgt erst danach, Bergungstod auch nach erfolgreicher Rettung. Wer im Wasser bleibt, geht mit Auftrieb in HELP-Position oder ohne Weste in Rückenlage, atmet bewusst und wartet auf Sichtkontakt. Wer hilft, birgt horizontal, bewegt wenig und wärmt nur passiv.

Häufige Fragen

Was ist Cold Water Shock?

Cold Water Shock ist die Sofortreaktion des Körpers beim Eintauchen in Wasser unter 16 Grad. Sie tritt in den ersten drei Minuten auf: unwillkürlicher Gasp-Reflex, Hyperventilation mit 40 bis 60 Atemzügen pro Minute, Blutdruckanstieg von 30 bis 50 mmHg. Die häufigste Todesursache in dieser Phase ist Ertrinken, nicht Kälte.

Wie lange überlebt man in 10 Grad kaltem Wasser?

Ohne Schutzkleidung mit Auftriebshilfe in ruhiger Lage etwa ein bis zwei Stunden bis zur HT II (mittelschwere Hypothermie). Mit Trockenanzug deutlich länger. Die Hauptgefahr in der ersten halben Stunde ist nicht die Unterkühlung, sondern das Schwimmversagen. Die meisten Opfer ertrinken, bevor Hypothermie einsetzt.

Was tut man als Erstes, wenn man ins kalte Wasser fällt?

Bewusst langsam ausatmen, um den Gasp-Reflex zu kontrollieren. Mit einer Hand sofort einen Auftriebspunkt suchen, Boot, Felsen oder Schwimmkörper. Nicht rufen, die Hyperventilation lässt in den ersten drei Minuten keine Sprache zu. Erst wenn sich die Atmung beruhigt hat, ist der Körper wieder ansprechbar genug für gezielte Bewegungen.

Ab welcher Wassertemperatur ist es gefährlich?

Die Gefahr nimmt mit jedem Grad nach unten zu, einen harten Schwellenwert gibt es nicht. Ab Wassertemperaturen um 16 Grad kann ein Cold Water Shock einsetzen, unter 15 Grad ist das die Regel, nicht die Ausnahme. Unter 10 Grad beschleunigen sich alle weiteren Stadien deutlich. Im Skjærgård im September (15 bis 17 Grad) ist Schwimmen ohne Begleitung und Auftriebshilfe ein Risiko.

Was ist die HELP-Position?

HELP steht für Heat Escape Lessening Position. Sie wird im kalten Wasser eingenommen, um den Wärmeverlust zu minimieren und die Überlebenszeit zu verlängern, während man auf Rettung wartet. Knie an den Brustkorb ziehen, Arme darum, Kopf so weit wie möglich aus dem Wasser. Sie schützt Leiste, Achseln und Kopf und verlängert die effektive Überlebenszeit gegenüber Wassertreten um rund 50 Prozent. Voraussetzung ist eine Schwimmweste oder ein anderer Auftriebskörper, ohne diese sinkt man in der Haltung ab.

Wie schützt man sich vor Unterkühlung im Wasser?

Drei Schutzschichten: Auftrieb (ohnmachtssichere Schwimmweste mit Kragen), Isolation (Trockenanzug unter 12 Grad Wassertemperatur, Neopren zwischen 12 und 18 Grad) und Position (HELP statt Schwimmen). Wer ohne Schwimmweste ins kalte Wasser fällt, verliert die wichtigste Schutzschicht und kann nicht in HELP gehen.

Von der Theorie in die Praxis

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