Verwundbar. Eine Risikoanalyse für Deutschland 2026–2030

Eine quellenbasierte Analyse der Risiken für die zivile Vorsorge in Deutschland – von Blackout und Cyberangriff über Klimaextreme bis Versorgungskrisen.

8 Risikocluster | 17 bewertete Szenarien | 40+ Quellen | 58 Seiten
Autor: Christian Dost, EarthTrail - Survival & Outdoor Training, April 2026

Krisenvorsorge in Deutschland: Was die offiziellen Quellen wirklich zeigen

Deutschland steht vor einer Bedrohungslage, die in dieser Kombination neu ist: geopolitische Konflikte, verwundbare Infrastruktur, Klimaextreme, Versorgungsrisiken – und eine Bevölkerung, die auf vieles davon nicht vorbereitet ist. Das Problem ist nicht der Mangel an Analysen. Das Problem ist ihre Fragmentierung. Dieses Paper führt zusammen, was BBK, BSI, UBA, WEF und Bundesregierung wissen – und macht die Wechselwirkungen sichtbar, die in den Einzelanalysen verloren gehen. Keine Panikmache, keine politische Agenda. Eine nüchterne Bestandsaufnahme mit konkreten Konsequenzen für die zivile Vorsorge.

Über dieses Paper

Dieses Paper ist eine systematische Zusammenführung offizieller Risikoeinschätzungen für Deutschland. Es stützt sich überwiegend auf Quellen staatlicher Institutionen, internationaler Organisationen und etablierter Forschungseinrichtungen. Es ist weder ein Prepper-Manifest noch ein Katastrophenszenario, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme dessen, was Behörden, Regierungen und Fachorganisationen selbst als realistische Bedrohungen einstufen.

Eine bewusste Entscheidung vorweg: Diese Analyse beschränkt sich auf institutionelle Quellen nicht weil der Autor blauäugig an staatliche Unfehlbarkeit glaubt, sondern weil ein Paper, das ernst genommen werden will, auf überprüfbare Quellen angewiesen ist. Die COVID-Pandemie hat gezeigt, dass behördliche Kommunikation fehlbar ist (vgl. Abschnitt 3.7). Manche Bedenken, die als „Verschwörungstheorie” abgetan wurden, erwiesen sich im Nachhinein als berechtigt – die politische Einflussnahme auf das RKI ist dafür ein dokumentiertes Beispiel. Dieses Paper nutzt staatliche Quellen, wo sie belastbar sind, und benennt ihre Grenzen, wo sie das nicht sind.

Um transparent zu arbeiten, trennt dieses Paper Quellenaussagen von eigenen Einschätzungen insbesondere in der Risikobewertung (vgl. Anhang D zur Methodik).

Die Analyse richtet sich in erster Linie an informierte Bürgerinnen und Bürger, die sich ein eigenes Bild der Lage machen wollen. Sie richtet sich ebenso an Menschen, die in ihrem Umfeld Verantwortung übernehmen – ob als Trainer, Ausbilder, in der Freiwilligen Feuerwehr, im THW oder als diejenigen in der Nachbarschaft, die im Ernstfall gefragt werden. Darüber hinaus kann sie als Einstieg für Unternehmen dienen, die ihre Risikoeinschätzung auf eine quellenbasierte Grundlage stellen möchten, und als Zusammenstellung für Fachleute im Bevölkerungsschutz – ohne den Anspruch zu erheben, behördliche Analysen zu ersetzen.

Inhaltsverzeichnis

Über den Autor

Christian Dost ist Gründer und Geschäftsführer von EarthTrail, einem Unternehmen für Survival und Outdoor-Training mit Sitz in Deutschland. Seit 2010 bildet das EarthTrail Trainerteam Privatpersonen, Unternehmen und Medienschaffende in den Bereichen Krisenvorsorge, Überlebenstraining und Selbstschutz aus. Das Unternehmen arbeitet unter anderem mit dem WWF, Medienteams und internationalen Expeditionsgruppen zusammen.

Dost ist kein Sicherheitspolitiker, kein Akademiker und kein Behördenvertreter. Er ist Praktiker mit über 15 Jahren Erfahrung in der Frage, wie Menschen sich auf Ausnahmesituationen vorbereiten können – und wo diese Vorbereitung an ihre Grenzen stößt. Diese Perspektive prägt das Paper: Es ersetzt keine behördliche Analyse, sondern führt bestehende Quellen zusammen, macht Lücken sichtbar und leitet konkrete Konsequenzen für die Zivilbevölkerung ab.

1. Warum diese Analyse?

1.1 Die veränderte Sicherheitslandschaft

Deutschland steckt in einer sicherheitspolitischen Lage, die vor einem Jahrzehnt kaum vorstellbar gewesen wäre. Die Annahmen, auf denen die deutsche Sicherheitsarchitektur seit dem Ende des Kalten Krieges beruhte – territoriale Unversehrtheit, stabile Energieversorgung, funktionierende multilaterale Ordnung, Abwesenheit militärischer Bedrohungen – sind hinfällig.

Die Bundesregierung hat das im Juni 2023 erstmals in einer Nationalen Sicherheitsstrategie ausgesprochen: „Das heutige Russland ist auf absehbare Zeit die größte Bedrohung für Frieden und Sicherheit im euroatlantischen Raum” (Bundesregierung 2023: 4). Diese Einschätzung steht nicht isoliert. Das World Economic Forum (WEF) verzeichnet in seinem Global Risks Report 2026: 14 Prozentpunkte mehr Befragte als im Vorjahr erwarten eine turbulente oder stürmische Entwicklung in den nächsten zwei Jahren („14 percentage-point increase in respondents selecting a turbulent or stormy outlook over the next two years compared with last year’s findings”) (WEF 2026: 22). Die Hälfte der befragten Experten rechnet mit einer turbulenten oder krisenhaften Weltlage bis 2028.

Die Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS) formuliert die Konsequenz für Deutschland unmissverständlich: Deutschland sei „strategische Drehscheibe der NATO” und damit „Ziel russischer hybrider Aggression” – von Cyberangriffen auf kritische Infrastruktur über Sabotage an Unterwasserkabeln bis zu Desinformationskampagnen (Lange 2025). Russlands Angriffskapazität gegen die NATO werde voraussichtlich bis 2029 wiederhergestellt sein.

Das sind keine Szenarien von Alarmisten. Das sind Einschätzungen der Institutionen, die für die Sicherheit dieses Landes zuständig sind.

1.2 Der blinde Fleck: Was zwischen den Berichten steht

Die Bundesregierung erstellt regelmäßig Risikoanalysen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) publiziert seit 2012 szenariobasierte Analysen für den Zivilschutz von Pandemie über Hochwasser bis zum Einsatz chemischer Kampfstoffe. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) bewertet die Cyberbedrohungslage. Das Umweltbundesamt analysiert Klimarisiken. Die Münchener Rückversicherung quantifiziert NaturkatastrophenSchäden.

4 Das Problem ist nicht der Mangel an Analysen. Das Problem ist ihre Fragmentierung. Jede Institution betrachtet ihren Zuständigkeitsbereich. Die BBK-Risikoanalyse analysiert ein CBRN-Szenario (chemisch, biologisch, radiologisch, nuklear – auch als ABC-Gefahren bekannt) – isoliert. Der BSILagebericht bewertet Cyberbedrohungen – isoliert. Die Klimawirkungs- und Risikoanalyse betrachtet 102 Klimawirkungen – isoliert. Was fehlt, ist die Zusammenführung. Was passiert, wenn ein Cyberangriff auf das Stromnetz mit einer Hitzewelle zusammenfällt? Was geschieht mit der Lebensmittelversorgung, wenn gleichzeitig Lieferketten durch geopolitische Konflikte gestört sind und Extremwetter die Ernte dezimiert?

Dieses Paper versucht, diese Lücke zu schließen. Nicht als Ersatz für die institutionellen Analysen, sondern als Ergänzung – indem es die vorhandenen Erkenntnisse zusammenführt, Wechselwirkungen sichtbar macht und die Konsequenzen für die Zivilbevölkerung ableitet.

1.3 Was dieses Paper ist – und was nicht

Dieses Paper macht keine Vorhersagen darüber, welche Krise wann eintreten wird. Es verfolgt keine politische Agenda und bedient keine ideologische Position. Es ersetzt keine behördliche Checkliste – die gibt es beim BBK, und sie ist gut.

Was es tut: Es führt zusammen, was offizielle Stellen wissen, was sie einschätzen und was sie empfehlen. Es benennt die Lücken zwischen Erkenntnis und Umsetzung. Und es leitet daraus ab, was das für die Zivilbevölkerung bedeutet – einschließlich konkreter Orientierung für die persönliche Vorsorge.

2. Methodik und Quellenlage

2.1 Quellenbasis

Diese Analyse stützt sich auf Primärquellen aus sechs Kategorien:

Behördliche Risikoanalysen und Strategiedokumente: Risikoanalysen für den Zivilschutz des Bundes (BBK/BMI, Serie seit 2012), Nationale Sicherheitsstrategie (Bundesregierung 2023), Konzeption Zivile Verteidigung (BMI 2016), Deutsche Resilienzstrategie (Bundesregierung 2024), KRITIS-Dachgesetz (KRITISDachG, in Kraft seit März 2026), Verteidigungspolitische Richtlinien (BMVg 2023).

Fachbehördliche Lageberichte: BSI-Lagebericht zur IT-Sicherheit in Deutschland 2025, BKA Bundeslagebild Cybercrime 2024, DWD Klimastatusberichte 2024/2025, BBK-Ratgeber „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen” (2025).

Internationale Referenzquellen: WEF Global Risks Report 2026, Munich Re NatCatSERVICE Naturkatastrophen-Bilanz 2025, IPCC AR6, Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 (UBA).

Wissenschaftliche und politikberatende Analysen: BAKS-Arbeitspapiere, TAB-Studie „Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften – Stromausfall” (2011), Grünbuch Öffentliche Sicherheit (Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit 2013), SWP-Studien.

KI-Risikobewertungen: Center for AI Safety Statement (2023, 600+ Unterzeichner), Bletchley Declaration (2023, 28 Nationen), UN Advisory Body „Governing AI for Humanity” (2024), Bengio et al. „Managing AI Risks in an Era of Rapid Progress” (2023), Amodei „Machines of Loving Grace” (2024).

Demografische und psychologische Quellen: Statistisches Bundesamt (Bevölkerungsvorausberechnung, Haushaltsstatistik), Bertelsmann Stiftung Pflegereport 2030, CovSocial-Studie (Max-Planck-Institut), BBSR Haushaltsprognose 2045.

Das vollständige Quellenverzeichnis mit Bewertung der Einzelquellen findet sich in Anhang C.

2.2 Methodik der Risikobewertung

Die Risikobewertung orientiert sich an der in der behördlichen Risikoanalyse etablierten Methodik einer zweidimensionalen Matrix. Sie übernimmt deren Grundlogik, ist aber eine eigenständige Anwendung – die BBK-Risikoanalysen bewerten einzelne Szenarien mit spezifischeren Parametern (Dauer, geographische Ausdehnung, Schadensklassen), während dieses Paper eine vergleichende Gesamtübersicht über Risikokategorien erstellt.

Eintrittswahrscheinlichkeit (E): Wie wahrscheinlich ist das Eintreten oder Fortbestehen eines Szenarios innerhalb des Betrachtungszeitraums 2026–2030? Skala 1 (sehr unwahrscheinlich) bis 5 (bereits eingetreten oder praktisch sicher). Ein Wert von 5 bedeutet, dass das Szenario zum Zeitpunkt der Analyse bereits Realität ist – die Bewertung verschiebt sich dann von der Eintrittswahrscheinlichkeit zur Frage, wie lange und in welcher Intensität die Lage andauert.

Folgenschwere (F): Wie schwerwiegend sind die Auswirkungen für die Zivilbevölkerung in Deutschland? Skala 1 (marginal, lokal begrenzt) bis 5 (katastrophal, national/supranational, existenzbedrohend).

Risikoindex = E × F ergibt einen Wert zwischen 1 und 25, eingeteilt in fünf Stufen:

Gefahrenindextabelle aus der EarthTrail Risikoanalyse für Deutschland 2026 bis 2030

Die Grundlogik – Eintrittswahrscheinlichkeit × Folgenschwere – verwendet auch die Bundesregierung in ihren behördlichen Risikoanalysen, wenn auch in anderer Auflösung und mit szenariospezifischen Parametern. Die Risikoanalyse für den Zivilschutz 2025 stellt hierzu fest: „Das Szenario ist keine Vorhersage eines möglichen Ereignisses, sondern spielt einen hypothetischen, aber plausiblen Verlauf durch. Viele andere mögliche Abläufe sind denkbar, darunter auch Ereignisse mit noch deutlich schwerwiegenderen Auswirkungen” (Bundestag 2026: 10).

2.3 Abgrenzung: Krisenrelevante Gefahren vs. allgemeine Risiken

Dieses Paper behandelt Szenarien, die vier Kriterien erfüllen:

1. Kollektive Betroffenheit: Sie betreffen viele Menschen gleichzeitig oder ganze Regionen.

2. Systemische Wirkung: Sie können staatliche Versorgungssysteme überlasten oder kritische Infrastrukturen beeinträchtigen.

3. Überforderung des Alltags: Sie erfordern ein Maß an Vorbereitung und Reaktion, das über normale Alltagskompetenz hinausgeht.

4. Externe Auslösung: Sie entstehen durch Ereignisse, die der Einzelne nicht kontrollieren kann.

Nicht thematisiert werden: individuelle Gesundheitsrisiken, Wohnungsbrände, Verkehrsunfälle, Einbrüche, persönliche Notlagen. Diese sind real, aber keine Krisen im Sinne dieser Analyse.

Als Vulnerabilitätsfaktoren – Bedingungen, die keine eigenständigen Krisen darstellen, aber die Auswirkungen anderer Krisen verstärken – werden behandelt: demografischer Wandel, wirtschaftliche Rezession, Fachkräftemangel in Sicherheitsbehörden, gesellschaftliche Polarisierung.

2.4 Bewusst nicht behandelte Risiken

Eine Risikoanalyse muss Grenzen setzen. Folgende Risiken wurden geprüft, aber nicht als eigenständige Cluster aufgenommen – entweder weil sie außerhalb des Betrachtungszeitraums liegen, weil die Quellenlage für eine seriöse Bewertung nicht ausreicht, oder weil sie als Verstärker in den bestehenden Clustern bereits erfasst sind:

Währungskrise und Inflation. Hohe Staatsverschuldung, Target2-Salden und eine mögliche Euro-Krise sind wirtschaftspolitisch relevante Risiken. Sie fließen als Verstärker in die Cluster E (Versorgung) und G (Gesellschaft) ein, sind aber keine Katastrophenszenarien im Sinne der Abgrenzung in 2.3 – sie betreffen nicht primär die physische Sicherheit oder Versorgung.

Innere Unruhen. Gesellschaftliche Polarisierung kann in Extremfällen zu Unruhen führen – historisch belegt, auch in Deutschland. Das Paper behandelt Polarisierung als Vulnerabilitätsfaktor in Cluster G, nicht als eigenständiges Szenario, weil die Quellenlage keine belastbare Wahrscheinlichkeitsbewertung zulässt.

Gain-of-Function-Forschung. Die Debatte um Laborunfälle und synthetische Pathogene ist sicherheitspolitisch relevant. Sie fließt in die Pandemiebewertung (Cluster F) ein, wird aber nicht separat behandelt, weil die wissenschaftliche und politische Debatte noch keine konsensfähige Risikobewertung hervorgebracht hat.

Diese Aufzählung ist keine Entwarnung. Sie dokumentiert, was dieses Paper bewusst nicht abdeckt – damit der Leser weiß, wo er weitersuchen muss.

2.5 Betrachtungszeitraum

Der Betrachtungszeitraum umfasst die Jahre 2026 bis 2030. Dieser Horizont wurde gewählt, weil er einerseits nah genug liegt, um belastbare Einschätzungen zu ermöglichen, und andererseits weit genug reicht, um sich entwickelnde Bedrohungen einzubeziehen. Die meisten verwendeten Quellen arbeiten mit vergleichbaren Zeithorizonten: Der WEF Global Risks Report unterscheidet zwischen 2-Jahres- und 10-Jahres-Perspektive, die BBK-Risikoanalysen arbeiten szenarisch ohne festen Zeitrahmen.

Die folgenden ausstehenden Quellen könnten das Lagebild dieser Analyse wesentlich verändern: die nächste Klimawirkungs- und Risikoanalyse (voraussichtlich 2027), der Abschlussbericht der Enquete-Kommission zur Corona-Pandemie (voraussichtlich 2027) und die ausstehenden CBRNTeilszenarien der Bundesregierung (substrategische Kernwaffe, biologisches Agens, NEMP).

3. Risikocluster – Die Gefahrenlandschaft

Die identifizierten Risiken werden in acht Cluster gegliedert. Diese Gliederung folgt keiner offiziellen Taxonomie, sondern orientiert sich an der Wirkungslogik: Welche Risiken haben ähnliche Ursachen, Wirkungsketten und Konsequenzen für die Zivilbevölkerung?

3.1 Cluster A – Geopolitik und bewaffnete Konflikte

Lagebild

Die geopolitische Lage Europas ist seit dem 24. Februar 2022 eine andere. Sabotage an Unterwasserkabeln, Brandanschläge auf Frachtmaschinen, Drohnenflüge über Militärstandorte, Cyberangriffe auf Behörden und Unternehmen – die Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS) listet auf, was in Deutschland bereits Realität ist (Lange 2025). Russlands Angriffskapazität gegen die NATO werde voraussichtlich bis 2029 wiederhergestellt sein. Das sind keine Planspiele. Das passiert jetzt.

Die Bundesregierung hat das in ihrer Nationalen Sicherheitsstrategie erstmals so deutlich benannt: Terrorismus, Extremismus, organisierte Kriminalität und Cybergefahren nähmen zu und verursachten „große Schäden” und „Risiken für Sicherheit und Stabilität” (Bundesregierung 2023: 4). Auch der WEF Global Risks Report 2026 spiegelt diese Verschiebung: Die geoökonomische Konfrontation ist das wichtigste kurzfristige Risiko weltweit – ein Sprung um acht Plätze gegenüber dem Vorjahr („Geoeconomic confrontation is the top risk for 2026 according to the GRPS, up eight positions from last year”) (WEF 2026: 15). Zwischenstaatlicher bewaffneter Konflikt folgt auf Platz 5 – beide Risiken verstärken sich gegenseitig („State-based armed conflict stands in fifth position […] These two risks are closely interlinked, with escalation in the severity of one also affecting the other”) (WEF 2026: 15).

Für Deutschland konkretisiert sich dies in einer doppelten Bedrohung: Als NATO-Mitglied und logistischer Knotenpunkt für die Bündnisverteidigung ist das Land sowohl potenzielles Ziel konventioneller Angriffe als auch – bereits jetzt – Ziel hybrider Operationen.

Hybride Kriegsführung

Die Konzeption Zivile Verteidigung (KZV) beschreibt das Problem: „Hybride Bedrohungen zeichnen sich insbesondere durch die gezielte Vermischung der Grenze zwischen Krieg und Frieden durch den Einsatz konventioneller wie auch asymmetrischer Mittel aus” (BMI 2016: 14). Das zen‐

10 trale Dilemma hybrider Bedrohungen liegt in ihrer Zurechenbarkeit: „Zu den besonderen Herausforderungen hybrider Bedrohungen für die nationale Zivile Verteidigung gehört die späte Erkennbarkeit und Zurechenbarkeit entsprechender Handlungen zu staatlichen Akteuren” (BMI 2016: 15).

Solange kein Spannungs- oder Verteidigungsfall festgestellt wird, „verbleibt die Zuständigkeit für die Gefahrenabwehr und Lagebewältigung bei den Ländern” (BMI 2016: 15) – eine Konstruktion, die bei koordinierten hybriden Angriffen auf mehrere Bundesländer gleichzeitig an ihre Grenzen stößt.

Das Ergebnis: ein Bedrohungsspektrum, das die BAKS als „noch nicht Krieg, aber auch nicht Frieden” beschreibt (Lange 2025). Die klassische Trennung zwischen Friedens- und Kriegszustand greift nicht mehr.

Referenzfall: Nord Stream, September 2022. Am 26. September 2022 wurden vier Lecks an den Pipelines Nord Stream 1 und 2 in der Ostsee entdeckt – Sabotage an europäischer Energieinfrastruktur. Die tatsächliche Versorgungsauswirkung war begrenzt: Nord Stream 1 war seit August offline, Nord Stream 2 nie in Betrieb. Aber die Gaspreise sprangen sofort um 12 Prozent. In deutschen Baumärkten waren Brennholz und Heizlüfter binnen Tagen ausverkauft. Verbraucher horteten Heizöl. Rationierungsdebatten beherrschten die Nachrichten. Was Nord Stream zeigt: Hybride Angriffe wirken nicht nur materiell. Sie wirken psychologisch. Ein symbolischer Anschlag auf eine faktisch inaktive Pipeline löste Panik auf den Energiemärkten und in Millionen deutscher Haushalte aus. Für eine Familie in einer Mietwohnung mit Gasheizung hieß das: Wird es diesen Winter warm genug? Können wir die Rechnung bezahlen?

CBRN-Szenarien / ABC Risiken

Die jüngste Risikoanalyse für den Zivilschutz 2025 zeigt, was ein CBRN-Anschlag im Kontext eines bewaffneten Konflikts bedeuten würde. Das Szenario: drei simultane Anschläge mit den chemischen Kampfstoffen VX und Schwefellost auf Logistikknotenpunkte – einen Seehafen, einen Rangierbahnhof, ein Materialdepot. Die Bilanz: über 8.500 Tote und rund 33.410 Verletzte innerhalb von 15 Stunden (Bundestag 2026: 12ff.).

Die Analyse macht schonungslos deutlich, wie schnell das Hilfeleistungssystem an seine Grenzen stößt: Bundesweit stehen rund 1.700 Intensivbetten mit CBRN-Spezialisierung (Dekontamination, Antidot-Therapie) zur Verfügung – bei über 6.500 Schwerverletzten der Kategorien SK I und SK II. Deutschland hat zwar insgesamt rund 26.000 Intensivbetten, aber bei chemischen Kampfstoffen brauchen die Verletzten spezialisierte Behandlung, die reguläre Intensivstationen nicht leisten können. Die persönliche CBRN-Schutzausrüstung (CBRN-PSA) aus der Bundesreserve wäre erst nach etwa sieben Stunden verfügbar (Bundestag 2026: 12–13). Das Szenario ist eingebettet in die Phase II des KZV-Gesamtszenarios – den militärischen Aufmarsch an der NATO-Ostgrenze.

11 Das BBK verweist darauf, dass drei weitere Teilszenarien in Vorbereitung sind: eine substrategische Kernwaffe, ein biologisches Agens und ein nuklearer elektromagnetischer Impuls (NEMP). Jedes einzelne davon hätte Auswirkungen, die das CBRN-Szenario noch übertreffen könnten.

Warum das jeden betrifft

Ein zwischenstaatlicher Konflikt mit NATO-Beteiligung würde Deutschland nicht nur als Bündnispartner, sondern als Durchmarsch- und Logistikgebiet betreffen. Die KZV beschreibt vier Phasen eines solchen Konflikts – von hybriden Bedrohungen über eine militärische Krise bis zur Landesverteidigung. In jeder dieser Phasen ist die Zivilbevölkerung betroffen: durch Versorgungsengpässe, Infrastrukturausfälle, Evakuierungen, CBRN-Gefahren.

Die Risikoanalyse 2025 zieht eine Schlussfolgerung, die für dieses gesamte Paper gilt: Es bedürfe eines „Umdenkens von Friedenszeit- auf Kriegsszenarien” und einer „Stärkung des Selbstschutzes und der Eigenverantwortung der Bevölkerung” (Bundestag 2026).

3.2 Cluster B – Kritische Infrastruktur

Was auf dem Spiel steht

Alles, was den Alltag in Deutschland am Laufen hält – Strom, Wasser, Kommunikation, Zahlungsverkehr, Logistik –, hängt an Infrastrukturen, die das KRITIS-Dachgesetz seit März 2026 erstmals umfassend schützt. Das Gesetz definiert zehn Sektoren: Energie, Transport und Verkehr, Finanzwesen, Sozialversicherung, Gesundheitswesen, Wasser, Ernährung, Informationstechnik und Telekommunikation, Weltraum (Satellitenkommunikation, Navigation) und Siedlungsabfallentsorgung (KRITISDachG 2026: § 2 Nr. 4). Dass es dieses Gesetz erst seit 2026 gibt, ist selbst ein Befund: Die physische Resilienz dieser Infrastrukturen war bis dahin gesetzlich nicht geregelt.

Die Nationale Sicherheitsstrategie benennt die Verwundbarkeit direkt: „Unsere Kritischen Infrastrukturen sind vermehrt das Ziel erheblicher Bedrohungen und Störungen. Eine gesicherte Versorgung mit Energieträgern und Rohstoffen ist gefährdet” (Bundesregierung 2023: 4–5). Was das konkret bedeutet, wenn ein zentraler Baustein wegbricht, zeigt das folgende Szenario.

Der Blackout als Referenzszenario

Das Referenzwerk für Ausfallszenarien kritischer Infrastruktur bleibt die TAB-Studie von 2011. Sie ist 15 Jahre alt – und trotzdem das Beste, was es gibt. Eine Aktualisierung ist nie erfolgt. Seit 2011 wurden zwar punktuelle Verbesserungen vorgenommen (Notstromaggregate in Wasserwerken, Mobilfunk-Notversorgung, KRITIS-Regulierung). Gleichzeitig hat die Digitalisierung die Abhängigkeit von Stromversorgung in einem Ausmaß verstärkt, das die TAB-Studie nicht voraussehen konnte: Cloud-basierte Verwaltung, bargeldloser Zahlungsverkehr, Smart-Home-Systeme, digitale Gesundheitsakten, IoT-gesteuerte Logistik. Es ist eine offene Frage, ob das Netto aus Verbesserungen und neuen Abhängigkeiten positiv oder negativ ist – aber die Grundstruktur der Verwundbarkeit, die die TAB-Studie beschreibt, dürfte eher unter- als überschätzt sein. Die Kernaussage: „Die Abhängigkeiten zwischen den Infrastrukturbereichen erzeugen Kaskadeneffekte, bei denen der Ausfall eines Systems zu Beeinträchtigungen in mehreren anderen führt” (TAB 2011: 38).

Die Zeitlinie eines großflächigen Stromausfalls liest sich wie eine Eskalationsstudie:

Innerhalb von Stunden treten erste kritische Versorgungsdefizite auf, insbesondere bei der Wasserversorgung in städtischen Gebieten (TAB 2011: 44). „Die Wasserwirtschaft ist vollständig von funktionierender Stromversorgung abhängig. Bei Ausfällen der Stromversorgung können Pumpenanlagen nicht betrieben werden, so dass die Wasserversorgung zusammenbricht” (TAB 2011: 45). In Deutschland sind etwa 70 Prozent der Wasserversorgung von elektrischen Pumpenanlagen abhängig (TAB 2011: 45).

Nach 12 bis 24 Stunden sind die meisten Notfalleinsatzkräfte aufgrund fehlender Treibstoff-Versorgung und Kommunikationsmittel funktionsunfähig (TAB 2011: 60). Nach drei bis fünf Tagen kommt es zu Versorgungsengpässen bei Lebensmitteln, da die Lagerhaltung in Supermärkten aufgebraucht ist und keine Nachlieferungen erfolgen können (TAB 2011: 50). Ab dem siebten Tag sind Abwassersysteme in größeren Städten nicht mehr funktionsfähig (TAB 2011: 47). Nach zwei bis drei Wochen ist mit gravierenden Engpässen bei der medizinischen Versorgung zu rechnen (TAB 2011: 58). Nach vier bis sechs Wochen sind größere Bevölkerungsgruppen von Unterernährung betroffen, insbesondere in Ballungsräumen (TAB 2011: 50).

Das Grünbuch Öffentliche Sicherheit hatte bereits 2013 festgestellt: „Das Szenario ‚Stromausfall’ würde das ganze Land betreffen. Die mittelbare und unmittelbare Eintrittswahrscheinlichkeit ist hoch” (ZOES 2013: 19). An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert – im Gegenteil: Die Digitalisierung hat die Abhängigkeit von Stromversorgung seither massiv verstärkt.

Referenzfall: Münsterland, November 2005

Wie ein Blackout sich anfühlt, mussten 250.000 Menschen im Münsterland erleben. Am letzten Novemberwochenende 2005 knickten unter der Schneelast Strommasten ein. In 25 Gemeinden fiel der Strom aus – in den am schlimmsten betroffenen Orten wie Ochtrup, Vreden und Metelen für bis zu zwei Wochen. Mitten im Winter. Kein Licht, keine Heizung, keine Kühlkette. Mobilfunkmasten fielen nach wenigen Stunden aus. Menschen saßen in dunklen, kalten Häusern, ohne zu wissen, wann es vorbei sein würde. Die TAB-Studie dokumentiert genau diese Kaskade: Strom weg → Wasser weg → Kommunikation weg → Versorgung weg.

Das Münsterland war regional begrenzt – Hilfe kam von außen. Aber die Frage, die dieses Ereignis aufwirft, ist: Was passiert, wenn es kein „Außen” gibt? Wenn der Ausfall überregional ist?

Internationaler Referenzfall: Texas, Februar 2021. Winter Storm Uri traf ein Stromnetz, das nicht für extreme Kälte ausgelegt war. 4,5 Millionen Haushalte verloren die Stromversorgung. Rohre platzten, die Wasserversorgung brach zusammen, Lebensmittelgeschäfte schlossen. 246 Menschen starben – zwei Drittel an Unterkühlung, in ihren eigenen Wohnungen. Die Toten waren überproportional alt, arm und allein. Texas zeigt: Ein Blackout im Winter tötet. Und er tötet die Verwundbarsten zuerst.

Dritter Stock, kein Strom

Eine Wohnung im dritten Stock. Kein Licht, kein Aufzug, kein Wasser aus dem Hahn, keine Klospülung. Der Kühlschrank taut auf, das Handy stirbt nach zwölf Stunden, die Powerbank nach vierundzwanzig. Was draußen passiert, ist ohne batteriebetriebenes Radio nicht zu erfahren. Die Heizung steht. Im Winter: unter 10 Grad in der Wohnung nach 48 Stunden.

Eine Familie mit Kleinkind hat nach zwei Tagen ein Problem. Ein alleinlebender 78-Jähriger mit Diabetes – Insulin braucht Kühlung – nach wenigen Stunden. Ein Dialysepatient von der ersten Minute an.

Nach drei bis fünf Tagen leere Supermarktregale, weil weder Nachlieferungen noch Kassensysteme funktionieren (TAB 2011: 50). Nach sieben Tagen keine Abwasserentsorgung in Großstädten (TAB 2011: 47). Fäkalien in den Straßen. Seuchengefahr.

Schutzlücke: Physische Resilienz

Das KRITIS-Dachgesetz macht eine jahrzehntelange Schutzlücke sichtbar: Bis März 2026 war nur die IT-Sicherheit kritischer Infrastrukturen gesetzlich geregelt. Der physische Schutz – Notstromaggregate, Zugangskontrollen, bauliche Sicherung – nicht. Das Gesetz selbst formuliert: „Im Hinblick auf physische Resilienzmaßnahmen werden […] erstmals eigenständige und abschließende Regelungen getroffen” (KRITISDachG 2026: 32). Erst jetzt müssen Betreiber kritischer Anlagen physische Resilienzpläne aufstellen.

Solarsturm: Ein unterschätzter Auslöser

Ein weiterer Auslöser für einen großflächigen Stromausfall, der in der öffentlichen Diskussion selten vorkommt: ein geomagnetischer Sturm der Größenordnung des Carrington-Events von 1859. Ein solches Ereignis würde Transformatoren und Elektronik großflächig beschädigen. Die NASA schätzt die Wahrscheinlichkeit eines signifikanten geomagnetischen Sturms auf rund 12 Prozent pro Dekade (Riley 2012). Die Wirkungskette wäre identisch mit dem oben beschriebenen Blackout-Szenario – allerdings potenziell global und mit deutlich längerer Wiederherstellungszeit, weil beschädigte Hochspannungstransformatoren Lieferzeiten von 12 bis 24 Monaten haben und nicht kurzfristig ersetzt werden können.

3.3 Cluster C – Cyber und digitale Bedrohungen

Lagebild

Der BSI-Lagebericht 2025 dokumentiert eine anhaltend hohe Bedrohungslage. Im Berichtszeitraum Juli 2024 bis Juni 2025 verzeichnete das BKA 950 Ransomware-Anzeigen – also Fälle, in denen Angreifer die Daten eines Unternehmens oder einer Behörde verschlüsseln und Lösegeld fordern. Staatlich gesteuerte Cyberangriffe (sogenannte APT-Gruppen – Advanced Persistent Threats) nehmen zu, wobei 25 Prozent auf Deutschland zielen – Platz 4 weltweit (BSI 2025). Das Botnetz „Badbox” – ein Netzwerk aus ferngesteuerten, mit Schadsoftware infizierten Geräten betrifft mit 58 Prozent infizierter Systeme überproportional deutsche Geräte.

Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur

Die Verbindung zwischen Cyberrisiken und kritischer Infrastruktur ist der wunde Punkt. Ein erfolgreicher Cyberangriff auf die Steuerungssysteme der Energieversorgung, der Wasseraufbereitung oder des Gesundheitswesens hätte unmittelbare physische Konsequenzen. Das BBK listet Cyberangriffe explizit als Bedrohung in seinem Ratgeber: „Ein Unfall, Extremwetter, Sabotage können die Leitungen für Strom, Wasser, Gas oder Mobilfunk beschädigen. Cyberangriffe können die IT-Systeme stören, die wir im Alltag brauchen” (BBK 2025: 4).

Das WEF setzt „Cyber insecurity” auf Platz 9 der kurzfristigen Risiken (WEF 2026: 15). Diese vergleichsweise niedrige Priorisierung täuscht: Cyberrisiken wirken in der Regel nicht isoliert, sondern als Katalysator für andere Krisen. Ein Cyberangriff auf KRITIS ist kein Cyberrisiko – es ist ein Infrastrukturrisiko mit digitalem Angriffsvektor.

Am 6. Juli 2021 bemerkte die IT-Abteilung des Landkreises Anhalt-Bitterfeld, dass etwas nicht stimmte. Eine Ransomware-Attacke hatte die gesamte Verwaltungs-IT kompromittiert – tatsächlich war der Angriff bereits am 2. Juni gestartet und über einen Monat unbemerkt geblieben. Am 9. Juli rief der Landkreis den Katastrophenfall aus. Deutschlands erster Cyber-Katastrophenfall.

Die Zahlen: 207 Tage unter Katastrophenbedingungen. 2,5 Millionen Euro Gesamtkosten. 500.000 Euro Lösegeldforderung in Kryptowährung. Aber die wirklich relevanten Zahlen sind andere: Arbeitslose bekamen kein Geld. Wohngeldempfänger warteten mindestens eine Woche auf ihre Zahlungen. Alle Bürgerservices – Ausweise, Anträge, Genehmigungen – fielen auf Papierbetrieb zurück. 207 Tage lang funktionierte ein deutscher Landkreis wie in den 1980er Jahren. Die vollständige Aufhebung des Katastrophenfalls erfolgte erst am 2. Februar 2022.

Anhalt-Bitterfeld war ein Landkreis. Was passiert, wenn eine Großstadt getroffen wird? Oder ein Bundesland?

Internationaler Referenzfall: Colonial Pipeline, Mai 2021. Ein kompromittiertes VPN-Passwort ohne Mehrfaktor-Authentifizierung – das genügte. Die größte Treibstoffpipeline der US-Ostküste stand fünf Tage still. Die Folge: 10.600 Tankstellen ohne Benzin. Panik an den Zapfsäulen. Fluggesellschaften routeten Flüge um. Der Präsident musste den Notstand ausrufen. 4,4 Millionen Dollar Lösegeld wurden gezahlt. Ein einziges Passwort legte die Treibstoffversorgung für 50 Millionen Menschen lahm.

Referenzfall: Anhalt-Bitterfeld, Juli 2021 – Der erste digitale Katastrophenfall

Im April 2026 gab das KI-Unternehmen Anthropic bekannt, dass sein neuestes Sprachmodell „Claude Mythos” nicht öffentlich freigegeben wird – ein Novum in der Branche. Laut Anthropics eigenem Red-Team-Assessment identifizierte das Modell autonom Tausende bislang unbekannter Sicherheitslücken (Zero-Day-Vulnerabilities) in Betriebssystemen, Webbrowsern und in Software, die in kritischen Infrastrukturen eingesetzt wird. Anthropic gibt die Trefferquote mit 89 bis 98 Prozent an; 99 Prozent der gefundenen Schwachstellen seien zum Zeitpunkt der Entdeckung noch nicht gepatcht gewesen (Anthropic 2026). Diese Zahlen stammen ausschließlich von Anthropic selbst – eine unabhängige Verifizierung durch Dritte ist bislang nicht öffentlich dokumentiert.

Anthropic stufte das Modell als Risiko für die nationale Sicherheit ein und gab es über das Programm „Project Glasswing” an rund 50 ausgewählte Organisationen weiter – darunter Microsoft, Google, Apple, CrowdStrike und JPMorgan Chase –, damit diese ihre Systeme härten können, bevor vergleichbare Fähigkeiten bei anderen Akteuren entstehen.

BSI-Chefin Claudia Plattner bezeichnete die Frage, ob Werkzeuge „von solch außerordentlicher Macht” auf dem freien Markt verfügbar sein werden, als „dringend” und sprach von „tiefgreifenden Auswirkungen auf die nationale und europäische Sicherheit” (BSI/Plattner 2026). Der Council on Foreign Relations bezeichnete Mythos als „Inflection Point for AI – and Global Security” (CFR 2026).

Die Implikation für diese Risikoanalyse: Die Schwelle für hochkomplexe Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur sinkt nicht graduell – sie kann sprunghaft fallen. Was bisher staatliche Nachrichtendienste mit spezialisierten Teams brauchten, könnte mittelfristig durch KI-Systeme automatisiert werden. Dass Anthropic das Modell zurückhielt, ist ein verantwortungsvoller Schritt. Ob andere Akteure – staatliche oder private – bei vergleichbaren Fähigkeiten ebenso handeln werden, ist offen.

Wendepunkt: Claude Mythos – Wenn KI KRITIS angreifbar macht

Kein Knall, kein Rauch – trotzdem kein Geld

Cyberangriffe hinterlassen keine Trümmer. Aber in Anhalt-Bitterfeld standen Arbeitslose plötzlich ohne Geld da, Wohngeldempfänger warteten wochenlang, Bürgerservices liefen auf Papier. 207 Tage lang. Ist eine Bank betroffen, kommt niemand an sein Konto – und in einer Gesellschaft, in der der Bäcker an der Ecke kein Bargeld mehr akzeptiert, kann niemand einkaufen. Fällt die Krankenkasse aus, keine Erstattung. Geht die Stadtverwaltung offline, kein Personalausweis, keine Baugenehmigung, kein Elterngeld.

Das wirkt abstrakt, solange es jemand anderen trifft. In Anhalt-Bitterfeld starb niemand. Aber für die Alleinerziehende, deren Wohngeld nicht kam, war das keine IT-Störung. Es war eine Existenzkrise.

3.4 Cluster D – Klima und Extremwetter

Aktuelle Datenlage

Deutschland hat sich seit der vorindustriellen Zeit um etwa 2,0°C erwärmt (DWD 2024). Die Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 (KWRA), die umfangreichste Klimarisikoanalyse für Deutschland, bewertet 102 Klimawirkungen in 13 Handlungsfeldern unter zwei Szenarien: optimistisch (+2,4°C Mitte des Jahrhunderts) und pessimistisch (+3°C Mitte des Jahrhunderts) (UBA 2021).

Die Fachbroschüre zu den Risiken des Klimawandels stellt fest: „Der Klimawandel wird immer sichtbarer: Selbst bei einem schwachen Klimawandel werden zukünftig alle Regionen in Deutschland von einem weiteren Anstieg der Temperatur, einer Zunahme an Hitze- und Trockentagen sowie von Starkregenereignissen betroffen sein” (UBA 2022: 11).

Extremwetter als permanentes Risiko

Der WEF Global Risks Report setzt Extremwetter langfristig auf Platz 1 der globalen Risiken: Extremwetterereignisse bleiben das Top-Risiko bis 2036 – die Hälfte der zehn größten Langfristrisiken sind umweltbedingt („Extreme weather events retains its position as the top risk for 2036, with half of the top 10 risks environmental in nature”) (WEF 2026: 19). Kurzfristig ist es auf Platz 4 gerückt – nicht weil die Bedrohung abgenommen hat, sondern weil geopolitische Risiken in der Wahrnehmung gestiegen sind.

Die Munich Re quantifiziert die Konsequenzen: 2025 verursachten Naturkatastrophen weltweit Gesamtschäden von 224 Milliarden US-Dollar, davon 108 Milliarden versichert. In Europa beliefen sich die Gesamtschäden auf 11 Milliarden US-Dollar, wobei nur 5,3 Milliarden versichert waren eine Deckungslücke von 52 Prozent (Munich Re 2026).

Für Deutschland sind Hitzewellen, Dürreperioden, Starkregenereignisse und Stürme die dominierenden Risiken. Die KWRA zeigt, dass sich bestehende Hotspots intensivieren: „Mit fortschreitendem Klimawandel werden dicht besiedelte, urbane Räume wie das Ruhrgebiet, die Rhein-MainNeckar Region und Berlin […] deutlich stärker von Wetterereignissen betroffen sein” (UBA 2022: 10). Die UBA-Fachbroschüre nennt an dieser Stelle auch „große Teile Ostdeutschlands” als Betroffene. In Flussnähe verschärfen sich Hoch- und Niedrigwasserereignisse; Küstenregionen sind durch den beschleunigten Meeresspiegelanstieg bedroht (UBA 2022: 10).

In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 traf Sturmtief „Bernd” das Ahrtal. 180 Menschen starben. 165.000 Menschen waren ohne Strom und Trinkwasser. 9.000 Gebäude und über 100 Brücken wurden zerstört oder schwer beschädigt. Die Versicherungswirtschaft bezifferte den Schaden auf 8,75 Milliarden Euro – die schlimmste Naturkatastrophe in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen.

Das Versagen war doppelt. Erstens: Die Warnungen existierten – das Europäische Hochwasserwarnsystem EFAS hatte ab dem 10. Juli über 25 Warnmeldungen ausgegeben. Der DWD erhöhte am 14. Juli mittags auf Warnstufe Rot, später auf die höchste Stufe Violett. Die meteorologischen Vorhersagen waren präzise und kamen rechtzeitig. Zweitens: Diese Warnungen erreichten die Bevölkerung viel zu spät. Die Evakuierungswarnung für den Kreis Ahrweiler wurde erst um 23:09 Uhr ausgelöst – die Flut war zu diesem Zeitpunkt bereits in vollem Gange. Sirenen waren in vielen Orten nicht funktionsfähig oder fehlten ganz. Der Untersuchungsausschuss stellte fest: Deutschland wurde präzise gewarnt – die Bürger aber nicht (Tagesspiegel 2022). Gegen Landrat Jürgen Pföhler wurde wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht ermittelt; die Staatsanwaltschaft Koblenz stellte das Verfahren 2024 ein – der Kausalnachweis, dass eine frühere Warnung konkrete Todesfälle verhindert hätte, sei nicht zu führen.

Für die Betroffenen bedeutete das: Menschen hatten Minuten statt Stunden zur Evakuierung. Häuser wurden unbewohnbar, Ersparnisse in einer Nacht vernichtet. Der Wiederaufbau dauert Jahre. Das Ahrtal zeigt zweierlei: Extremwetter ist keine abstrakte Klimaprojektion – und selbst vorhandene Warnsysteme schützen nicht, wenn die Warnkette zwischen Fachbehörden und Bevölkerung versagt.

Referenzfall: Hitzewellen – Die stille Katastrophe. Rund 7.600 Menschen starben 2003 in Deutschland an den Folgen der Hitzewelle – das zeigt eine Analyse der Übersterblichkeit durch das Robert Koch-Institut (An der Heiden et al. 2019). Die Zahl wurde erst Jahre später durch statistisches Modelling erkannt, denn Hitzetote fallen leise. Kein reißender Fluss, keine Trümmer, keine Fernsehbilder. 2019 starben weitere 6.900 Menschen, 2006 rund 6.200, 2015 rund 6.100 (An der Heiden et al. 2019). In Summe haben Hitzewellen in Deutschland mehr Menschen getötet als jede andere Naturkatastrophe der letzten Jahrzehnte. Die Opfer sind fast immer dieselben: alte Menschen, allein lebend, sozial isoliert, in schlecht gedämmten Dachgeschosswohnungen ohne Klimaanlage. In einer Großstadt wie Berlin können Innenstadttemperaturen durch den Wärmeinseleffekt 5 bis 8 Grad über dem Umland liegen. Für einen 82-Jährigen mit Herzinsuffizienz kann das der Unterschied zwischen Leben und Tod sein.

Referenzfall: Ahrtal, Juli 2021 – Wenn das Wasser schneller ist als die Warnung

Kaskadeneffekte des Klimawandels

Klimarisiken wirken selten isoliert. Eine Dürre kann zu Niedrigwasser führen, was Binnenschifffahrt einschränkt, Kühlwasser für Kraftwerke verknappt und landwirtschaftliche Erträge mindert – gleichzeitig. Waldsterben durch Trockenheit erhöht das Waldbrandrisiko und setzt CO₂ frei, was den Klimawandel weiter beschleunigt.

Ein schleichender Verstärker ist der Biodiversitätsverlust. Der WEF Global Risks Report 2026 listet ihn unter den langfristigen Top-10-Risiken. Für Deutschland bedeutet das: BestäuberinsektenRückgang gefährdet die Ernteerträge; Bodenauslaugung reduziert die landwirtschaftliche Produktivität; durch den Klimawandel begünstigte Arten wie der Eichenprozessionsspinner und invasive Arten wie die Asiatische Hornisse verursachen Gesundheits- und Wirtschaftsschäden; der Waldumbau – von der Fichten-Monokultur zum klimaresilienten Mischwald – braucht Jahrzehnte. Biodiversitätsverlust ist kein plötzliches Krisenereignis, sondern eine schleichende Erosion der ökologischen Puffer, die andere Krisen abfedern. Wenn die Puffer dünn werden, treffen Extremwetter, Dürren und Lieferkettenstörungen härter.

Die KWRA macht deutlich: Nur rund ein Drittel der identifizierten Klimawirkungen kann kurzfristig durch Anpassungsmaßnahmen adressiert werden. Für 15 Prozent der notwendigen Maßnahmen wird eine Anpassungsdauer von mehr als 50 Jahren veranschlagt (UBA 2022).

Für die Familie im Neubaugebiet am Flusslauf heißt das: Ihr Haus wurde nach Bauvorschriften gebaut, die auf historischen Hochwassermarken basieren. Diese Marken sind hinfällig. Starkregen, wie ihn das Ahrtal erlebt hat, kann überall in Deutschland auftreten – das zeigt die KWRA für alle 13 Handlungsfelder.

Für den Rentner in der Dachgeschosswohnung heißt das: Bei einer Hitzewelle wie 2003 steigt die Temperatur in seiner Wohnung auf über 35 Grad. Er hat keine Klimaanlage, vielleicht nicht einmal Jalousien. Er trinkt zu wenig, weil das Durstgefühl im Alter nachlässt. Am dritten Tag findet ihn der Nachbar – oder auch nicht. Die Forschung zeigt: In Nachbarschaften mit funktionierenden sozialen Netzwerken ist die Sterblichkeit bei Hitzewellen messbar niedriger. Dort, wo niemand nach dem Nachbarn schaut, sterben Menschen unbemerkt.

Neubaugebiet, Flusslauf, historische Hochwassermarke

3.5 Cluster E – Versorgung, Energie und Rohstoffe

Energieversorgung

Die Abhängigkeit Deutschlands von importierten Energieträgern bleibt ein strukturelles Risiko. Die Nationale Sicherheitsstrategie konstatiert: „Eine gesicherte Versorgung mit Energieträgern und Rohstoffen ist gefährdet” (Bundesregierung 2023: 4–5). Zwar hat die Diversifizierung nach dem russischen Lieferstopp 2022 Fortschritte gemacht – die grundsätzliche Importabhängigkeit bei Öl und Gas besteht fort.

Dieses Szenario ist seit Anfang 2026 keine Hypothese mehr. Der Iran blockiert die Straße von Hormus – die Meerenge, durch die rund 20 bis 25 Prozent des weltweiten Öltransits und etwa 20 Prozent des globalen LNG-Handels fließen. Der Schiffsverkehr brach von rund 130 Transiten pro Tag (Februar 2026) auf zeitweise 6 pro Tag (März 2026) ein – ein Rückgang von 95 Prozent (IEA 2026). Die Ölpreise schwanken seit Beginn der Blockade stark – mit Spitzenwerten um 140 US-Dollar pro Barrel und zeitweisen Rücksetzern unter 100 Dollar.

Die Auswirkungen auf Deutschland sind direkt und messbar. Das Institut der deutschen Wirtschaft beziffert den wirtschaftlichen Schaden auf 40 bis 80 Milliarden Euro über zwei Jahre, je nach Dauer und Intensität der Blockade. Bei einem Ölpreis von 150 Dollar pro Barrel rechnet das IW mit einem BIP-Rückgang von 0,5 bis 1,3 Prozent und einer zusätzlichen Inflation von 1,6 bis 1,9 Prozentpunkten (IW 2026).

Die Kaskaden reichen weit über den Energiepreis hinaus. Rund ein Drittel des globalen Düngemittelhandels passiert die Straße von Hormus. Qatar und die Golfstaaten exportieren über 50 Prozent der weltweiten Harnstoff-Produktion (Urea) – der Grundstoff für Stickstoffdünger, der 45 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion sichert. Die Düngemittelpreise sind seit Jahresbeginn um 30 bis 40 Prozent gestiegen. Deutsche Landwirte zahlen bereits deutlich mehr als 2025 (Carnegie Endowment 2026, Top Agrar 2026).

Der Mechanismus: Erdgas ist der Ausgangsstoff für das Haber-Bosch-Verfahren zur AmmoniakSynthese – die Grundlage der gesamten Stickstoffdünger-Produktion. Erdgas wird auch für 95 Prozent der deutschen Wasserstoffproduktion benötigt (sogenannter grauer Wasserstoff). Die chemische Industrie – BASF, Covestro, Lanxess – nutzt Öl und Gas nicht nur als Energiequelle, sondern als Rohstoff. Die Kette ist: Hormus blockiert → Energiepreis steigt → Düngemittel werden knapp und teuer → Landwirtschaftskosten steigen → Lebensmittelpreise steigen → Konsumenten-Kaufkraft sinkt → soziale Spannungen nehmen zu.

Die KZV verweist auf die strategische Mineralölreserve von 90 Tagen (BMI 2016: 53) – ein Puffer, der bei einem gleichzeitigen Konflikt an der NATO-Ostflanke schnell aufgebraucht wäre, da militärische Logistik priorisiert werden müsste.

Lebensmittelversorgung

Die KZV beschreibt das System: „Die Regelversorgung mit Nahrungsmitteln erfolgt über eine Vielzahl von Lebensmittelproduzenten und Lebensmittelhändlern ohne besondere Mindestanforderungen. Die Versorgung erfolgt so lange wie möglich durch die privatwirtschaftlich organisierte Lebensmittelwirtschaft über den freien Markt” (BMI 2016: 47). Das klingt robust. Es ist fragil.

Deutschlands Lebensmittellogistik funktioniert nach dem Just-in-Time-Prinzip. Die TAB-Studie stellte fest, dass nach drei bis fünf Tagen ohne Nachlieferung die Supermarktregale leer sind (TAB 2011: 50). Die KZV sieht für den Fall eines Marktversagens eine „geordnete Produktion und Verteilung der Lebensmittel durch hoheitliche Bewirtschaftung” vor (BMI 2016: 47) – ein Mechanismus, der seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erprobt wurde.

Die Bevölkerung ist angehalten, „einen individuellen Vorrat an Lebensmitteln für einen Zeitraum von zehn Tagen vorzuhalten” (BMI 2016: 47). Der BBK-Ratgeber spricht von zehn Tagen als Idealstandard und mindestens drei Tagen als Minimum (BBK 2025: 3). Wie viele Haushalte dieser Empfehlung tatsächlich folgen, ist nicht systematisch erhoben.

Arzneimittelversorgung

Die KZV gibt den Versorgungspuffer für Arzneimittel mit einer Woche für Apotheken und zwei Wochen für den Großhandel an (BMI 2016). Bei chronisch Kranken, Dialysepatienten oder insulinpflichtigen Diabetikern führt ein Lieferengpass schnell zu lebensbedrohlichen Situationen. Die CBRN-Risikoanalyse 2025 zeigt am Beispiel der Antidot-Verfügbarkeit, wie eng die Versorgungslage selbst bei vorhersehbarem Bedarf ist.

Referenzfall: Ölkrise 1973 – Wenn die Tankstellen leer sind

Oktober 1973. Jom-Kippur-Krieg. Die OPEC verhängt ein Ölembargo. Der Ölpreis vervierfacht sich. In Deutschland verordnet die Bundesregierung vier autofreie Sonntage – am 25. November, 2., 9. und 16. Dezember 1973 fahren keine Autos. Tempolimit 100 auf Autobahnen. 13 Millionen Autobesitzer stehen an den Zapfsäulen Schlange. 1974 muss Deutschland 17 Milliarden DM mehr für Öl ausgeben als im Vorjahr. Das BIP stagniert, 1975 schrumpft es um 1,8 Prozent. Die Arbeitslosigkeit vervierfacht sich nahezu – von 273.000 auf über eine Million.

Das war 1973. Über 50 Jahre später hat sich an der Grundstruktur wenig geändert. Deutschland importiert den Großteil seines Öl- und Gasbedarfs. Die Abhängigkeit von Russland wurde nach 2022 durch Abhängigkeiten von anderen Lieferanten ersetzt – diversifizierter, aber immer noch verwundbar. Seit Anfang 2026 zeigt die iranische Blockade der Straße von Hormus, wie schnell diese Verwundbarkeit Realität wird: 20 bis 25 Prozent des weltweiten Öltransits betroffen, Ölpreise mit Spitzenwerten um 140 Dollar pro Barrel, Kaskadeneffekte auf Düngemittel, Chemie und Lebensmittelpreise (vgl. Abschnitt „Energieversorgung” oben).

Referenzfall: Suezkanal, März 2021. Ein einziges Containerschiff – die Ever Given, 400 Meter lang – blockierte sechs Tage lang die wichtigste Handelsroute der Welt. 300 Schiffe stauten sich. Pro Stunde wurden Waren im Wert von 400 Millionen Dollar verzögert. In deutschen Supermärkten und Industriebetrieben machten sich die Auswirkungen Wochen später bemerkbar: ElektronikChips fehlten, Ersatzteile kamen nicht an, Verbraucherpreise stiegen. Eine Singularität – ein Nadelöhr, durch das die Weltwirtschaft fließt – erwies sich als kritisch verwundbar.

Tanken oder Einkaufen?

Ein Energiepreisschock trifft nicht alle gleich. Wer in einem Einfamilienhaus mit Ölheizung lebt und den Tank voll hat, merkt den Preisanstieg erst bei der nächsten Lieferung. Wer zur Miete wohnt, liest es auf der Nebenkostenabrechnung. Wer Mindestlohn verdient und das Auto für den Arbeitsweg braucht, steht vor einer Entscheidung, die keine sein sollte: Tanken oder Einkaufen? Die Ölkrise 1973 hat gezeigt, was Energieknappheit wirklich ist: kein technisches Problem, sondern ein soziales – es vernichtet Arbeitsplätze, treibt Preise und verschärft Spannungen in einer Gesellschaft, die sich die Frage „Wer kann sich das noch leisten?” nicht mehr gefallen lässt.

Die KZV sieht für den Fall eines Marktversagens „hoheitliche Bewirtschaftung” vor (BMI 2016: 47) – Rationierung. Das klingt nach Kriegswirtschaft. Es ist im Szenariokatalog der Bundesregierung eine realistische Option.

Rohstoffabhängigkeiten

Deutschland importiert Seltenerdmetalle, Lithium und andere kritische Rohstoffe überwiegend aus China. Eine geopolitische Eskalation im Indopazifik – etwa um Taiwan – hätte unmittelbare Auswirkungen auf Lieferketten in den Bereichen Elektronik, Batterietechnologie und Medizintechnik. Die Nationale Sicherheitsstrategie erkennt dieses Risiko an: „Wir leben in einem Zeitalter wachsender Multipolarität. Einige Staaten versuchen, die bestehende internationale Ordnung entsprechend ihrer Auffassung von systemischer Rivalität umzugestalten” (Bundesregierung 2023: 4).

3.6 Cluster F – Gesundheit und Pandemie

Pandemierisiko

Die Nationale Sicherheitsstrategie betont: „Die globale Prävention von und schnelle Reaktion auf Pandemien ist unverzichtbar für die Gewährleistung menschlicher Sicherheit. Die Bundesregierung intensiviert daher ihr internationales Engagement auf diesem Gebiet. Sie verfolgt dabei einen ‚One Health’-Ansatz” (Bundesregierung 2023: 9).

Das Grünbuch Öffentliche Sicherheit hatte 2013 ein Pandemieszenario skizziert: „Etwa 24 Millionen Erkrankte und 103.000 Todesfälle – so könnte die Bilanz einer Influenza-Pandemie bei mittlerer Erkrankungsrate ausfallen” (ZOES 2013: 33). COVID-19 hat gezeigt, dass solche Szenarien nicht hypothetisch sind – und dass die Auswirkungen weit über die unmittelbaren Gesundheitsfolgen hinausgehen: Lockdowns, wirtschaftliche Verwerfungen, gesellschaftliche Polarisierung, psychische Belastungen.

Die Enquete-Kommission des Bundestages zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie arbeitet seit September 2025. Ihr Abschlussbericht wird 2027 erwartet und dürfte hoffentlich wesentliche Lehren für die Pandemievorsorge enthalten.

Über 100.000 Tote in Deutschland. Ein BIP-Einbruch von 4,6 Prozent im Jahr 2020 – im zweiten Quartal sogar minus 9,7 Prozent, der stärkste Rückgang seit 1970. Leere Regale in Supermärkten: Toilettenpapier wurde 700 Prozent mehr verkauft als üblich, nicht weil es knapp war, sondern weil die Angst vor Knappheit ausreichte. Schulen geschlossen. Unternehmen pleite. Alte Menschen starben in Pflegeheimen, isoliert von ihren Angehörigen.

COVID war keine klassische Katastrophe – kein Knall, kein sichtbarer Schaden. Es war eine Systemkrise, die über Monate das gesamte gesellschaftliche Leben durchdrang. Und es war ein Probelauf: Was passiert, wenn eine Krise nicht nach drei Tagen vorbei ist, sondern Monate dauert? Die Antwort: Hamsterkäufe, Polarisierung, psychische Belastung, wirtschaftliche Verwerfungen und eine Bevölkerung, die sich in der Frage, wie man der Krise begegnet, tiefer spaltete als jemals zuvor.

Referenzfall: COVID-19 – Die Krise, die alles berührte

Überlastung des Gesundheitssystems

Die CBRN-Risikoanalyse 2025 legt die Kapazitätsgrenzen des Gesundheitssystems offen: Rund 1.700 Intensivbetten bundesweit bei über 6.500 Schwerverletzten. Das ist ein Verhältnis von 1:4 unter der Annahme, dass alle vorhandenen Betten frei und erreichbar sind, was in der Realität nicht der Fall wäre.

Die Klimarisiken verschärfen die Lage: Hitzewellen führen bereits heute zu deutlich erhöhten Krankenhauseinweisungen und Sterbefällen, insbesondere bei älteren Menschen. Eine Überlagerung von Pandemie und Extremwetterereignis würde das System in die Überlastung treiben.

Wenn alles gleichzeitig wegbricht

Für den chronisch Kranken: verspätete Arzttermine, abgesagte Operationen, Engpässe bei Medikamenten. Für die alleinerziehende Mutter: Kinderbetreuung, Homeoffice und Existenzangst gleichzeitig, über Monate. Für den Selbstständigen: Aufträge weg, staatliche Hilfen kommen verspätet oder gar nicht. COVID war der Beweis, dass eine Krise nicht nur den trifft, der krank wird.

Die Arzneimittelversorgung ist dabei ein besonders verwundbarer Punkt. Die KZV gibt den Versorgungspuffer für Apotheken mit einer Woche an, für den Großhandel mit zwei Wochen (BMI 2016). Für die 90.000 Dialysepatienten in Deutschland, für insulinpflichtige Diabetiker, für Menschen unter Chemotherapie – für sie beginnt die Krise nicht am dritten Tag, sondern am ersten.

3.7 Cluster G – Gesellschaft und Information

Desinformation und Polarisierung

Der WEF Global Risks Report setzt Desinformation auf Platz 2 und gesellschaftliche Polarisierung auf Platz 3 der kurzfristigen Risiken (WEF 2026: 15). Beides sind keine traditionellen Sicherheitsrisiken – aber sie untergraben die Fähigkeit einer Gesellschaft, in Krisen geschlossen zu reagieren.

Die Nationale Sicherheitsstrategie benennt das Problem im Kontext hybrider Bedrohungen. Der BBK-Ratgeber greift es für den Bürger auf: „In unklaren Situationen kann es widersprüchliche und falsche Informationen geben, zum Beispiel in sozialen Netzwerken. Manchmal entstehen so Missverständnisse oder Gerüchte. Außerdem gibt es Akteure, die bewusst Falschinformationen verbreiten” (BBK 2025: 14).

In einer Krisensituation wird Desinformation zum Multiplikator. Sie verzögert adäquate Reaktionen, schürt Panik oder Apathie und untergräbt das Vertrauen in behördliche Anweisungen. Wenn in einem CBRN-Szenario widersprüchliche Informationen über kontaminierte Gebiete kursieren, kostet das Menschenleben.

Vertrauensverlust

Der WEF-Report verzeichnet eine Vertrauenskrise: 58 Prozent der befragten Experten sehen eine Erosion von Menschenrechten und bürgerlichen Freiheiten als steigendes Risiko („Erosion of human rights and/or civic freedoms”) (WEF 2026: 15). Für Deutschland bedeutet der Vertrauensverlust in staatliche Institutionen ein konkretes Problem: Behördliche Warnungen und Handlungsanweisungen in Krisensituationen setzen ein Grundvertrauen voraus, das nicht mehr selbstverständlich ist.

Die COVID-Pandemie hat dieses Vertrauen messbar beschädigt – und ein Teil des Schadens ist durch das Handeln der Regierung selbst verursacht. Laut Forsa-Trendbarometer sank das Vertrauen in den Bundeskanzler zwischen 2020 und Ende 2021 von 57 auf 33 Prozent, das Vertrauen in die Bundesregierung von 56 auf 34 Prozent (Forsa 2021/2022) – ein Rückgang, der untypisch ist, da Krisen üblicherweise das institutionelle Vertrauen zunächst stärken.

Die Ursachen sind dokumentiert – und sie liegen nicht nur bei den Bürgern.

Die 2024 entschwärzten RKI-Krisenstabsprotokolle zeigen, dass das Bundesgesundheitsministerium im Februar 2022 die Herabstufung der Risikobewertung durch das RKI untersagte – eine politische Intervention in eine fachliche Einschätzung (RKI-Protokolle 2024). Die sogenannte Maskenaffäre belastete das Ansehen der Politik zusätzlich: Die CSU-Abgeordneten Georg Nüßlein und Alfred Sauter erhielten zusammen rund 1,86 Millionen Euro an Provisionen für die Vermittlung von Maskendeals – und blieben nach einem BGH-Urteil 2024 straffrei, weil außerparlamentarische Geschäfte nicht unter den Bestechlichkeitsparagrafen fallen (BGH 2024). Die Lücke zwischen moralischem Empfinden und juristischer Bewertung vertiefte den Vertrauensverlust.

Hinzu kommt die Übersterblichkeitsdebatte. 2020 und 2021 lagen die Sterbefallzahlen in Deutschland leicht über dem statistisch erwarteten Niveau – was zunächst auf COVID selbst zurückgeführt wurde. Ab 2022 setzte sich die Übersterblichkeit jedoch fort, obwohl die Pandemie abflaute. Das Statistische Bundesamt dokumentiert für 2022 rund 77.000 Sterbefälle über dem Median der Vorjahre (Destatis 2023). Die Ursachen sind bis heute nicht abschließend geklärt – sie reichen von Nachwirkungen der Pandemie über Hitzewellen bis zu Debatten über Impfnebenwirkungen, die das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) meldet. Die politische Brisanz liegt weniger in den Zahlen selbst als in der Tatsache, dass Teile der Bevölkerung diese Fragen früh stellten und dafür als „Verschwörungstheoretiker” abgestempelt wurden – während die institutionelle Aufarbeitung erst mit erheblicher Verzögerung begann. Ob die Kritiker in allen Punkten recht hatten, ist offen. Dass ihre Fragen berechtigt waren, zeigen die inzwischen öffentlichen RKI-Protokolle und die Einsetzung der Enquete-Kommission.

Im Herbst 2024 gaben laut Standard-Eurobarometer 55 Prozent der Befragten an, der Bundesregierung „eher nicht” zu vertrauen (Europäische Kommission 2024). Die Enquete-Kommission des Bundestages zur Aufarbeitung der Pandemie arbeitet seit September 2025 – ihr Abschlussbericht wird 2027 erwartet.

Für die Risikoanalyse ist der Befund eindeutig: Der Vertrauensverlust ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem – er ist ein Sicherheitsproblem. Ein Teil der Bevölkerung wird in der nächsten Krise behördlichen Anweisungen nicht folgen. Und man kann es ihnen schwer vorwerfen: Wer erlebt hat, wie fachliche Einschätzungen politisch übersteuert wurden, wie Provisionen in Millionenhöhe ohne Konsequenz blieben und wie berechtigte Fragen als Desinformation abgetan wurden, dessen Skepsis ist keine Unvernunft. Sie ist das Ergebnis eines Politikversagens, dessen Aufarbeitung noch aussteht.

Donnerstagabend. NINA-Alarm: „Kontamination im Stadtteil X. Bleiben Sie in geschlossenen Räumen. Fenster und Türen schließen.” Auf Telegram kursiert gleichzeitig eine Karte mit einem viel größeren Gebiet. Auf X behauptet jemand, die Warnung sei gefälscht. In einer WhatsApp-Gruppe schreibt ein Nachbar, sein Schwager bei der Feuerwehr habe gesagt, alles übertrieben. Wem glaubt man? In einer Gesellschaft, die erlebt hat, wie das RKI politisch übersteuert wurde und wie behördliche Einschätzungen sich im Nachhinein als falsch erwiesen, ist diese Frage kein Gedankenexperiment. Sie ist die Realität der nächsten Krise.

Während COVID hat sich gezeigt: 44 Prozent der Befragten sahen mindestens wöchentlich Fehlinformationen zur Impfung. 46 Prozent stießen auf Falschinformationen zum Ukraine-Krieg. In einer akuten Krise – Chemieunfall, Anschlag, Blackout – ist die Informationslage noch chaotischer. Der BBK-Ratgeber empfiehlt, sich an offizielle Quellen zu halten (BBK 2025: 14). Aber wenn ein Drittel der Bevölkerung offiziellen Quellen nicht vertraut, wird diese Empfehlung zur leeren Formel.

Wenn die Warnung kommt – und keiner weiß, was stimmt

3.8 Cluster H – Technologie und KI

Künstliche Intelligenz als Risikofaktor

Der WEF Global Risks Report setzt negative Auswirkungen von KI-Technologien („Adverse outcomes of AI technologies”) auf Platz 5 der langfristigen Risiken. Für den Zeithorizont dieses Papers (bis 2030) sind drei unmittelbare Aspekte relevant:

Erstens: Deepfakes und synthetische Medien verstärken die Desinformationsproblematik erheblich. Die technischen Möglichkeiten, überzeugende Fälschungen zu produzieren, wachsen schneller als die Erkennungsfähigkeiten. Geoffrey Hinton, Nobelpreisträger 2024 und einer der Begründer der modernen KI-Forschung, warnte bereits 2023, dass KI-generierte Inhalte es zunehmend unmöglich machen, Wahrheit von Fälschung zu unterscheiden – und autoritäre Staaten dies zur Manipulation von Wahlen nutzen könnten (Hinton 2023).

Zweitens: Automatisierung von Cyberangriffen. KI-gestützte Angriffswerkzeuge senken die Schwelle für komplexe Cyberangriffe. Das BSI stellt fest, dass generative KI die Eintrittsbarrieren für Phishing und Social Engineering erheblich senkt – auch für Angreifer ohne tiefe technische Kenntnisse. Die bisherige Einschätzung lautete: KI wirkt als „Force Multiplier” für bestehende Angriffstechniken, nicht als revolutionäre neue Waffe (Recorded Future 2024). Diese Einschätzung wurde im April 2026 erschüttert: Anthropic gab bekannt, dass sein Modell „Claude Mythos” autonom Tausende unbekannter Schwachstellen in Betriebssystemen und KRITIS-Software identifiziert habe – laut Eigenangabe mit einer Trefferquote von über 89 Prozent (vgl. Cluster C, Abschnitt „Wendepunkt: Claude Mythos”). Die Schwelle für hochkomplexe Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur könnte damit sprunghaft sinken.

Drittens: Technologische Abhängigkeiten. Die zunehmende Integration von KI-Systemen in kritische Infrastruktur schafft neue Angriffsflächen und Ausfallrisiken.

Jenseits der unmittelbaren Risiken steht eine Debatte, die für den Zeithorizont dieses Papers zunehmend relevant wird: die Entwicklung fortgeschrittener KI-Systeme, die menschliche Fähigkeiten in breiten Bereichen erreichen oder übertreffen – sogenannte Artificial General Intelligence (AGI).

Diese Debatte wird nicht von Alarmisten geführt, sondern von den führenden Köpfen der KI-Forschung selbst. Im Mai 2023 unterzeichneten über 600 führende KI-Forscher und Technologieführer – darunter die CEOs von OpenAI, Anthropic und Google DeepMind sowie die Turing-Preisträger Geoffrey Hinton und Yoshua Bengio – eine gemeinsame Erklärung: Das Risiko des Aussterbens durch KI einzudämmen, sollte eine globale Priorität sein – gleichrangig mit Pandemien und Atomkrieg („Mitigating the risk of extinction from AI should be a global priority alongside other societal-scale risks such as pandemics and nuclear war”) (Center for AI Safety 2023). Die Menschen, die diese Technologie selbst entwickeln, stellen das Aussterberisiko durch KI auf die gleiche Stufe wie Pandemien und Nuklearkrieg.

Im November 2023 unterzeichneten 28 Nationen – darunter die USA, China, die EU-Staaten und Großbritannien – die Bletchley Declaration, das erste internationale Abkommen zu KI-Sicherheit. Die Erklärung warnt vor dem Potenzial für schweren, sogar katastrophalen Schaden durch fortgeschrittene KI-Systeme – ob absichtlich oder unbeabsichtigt („potential for serious, even catastrophic, harm, either deliberate or unintentional”) – und benennt explizit Kontrollverlust, Cybersicherheit und Desinformation als Risiken (Bletchley Declaration 2023).

Die konkreten Warnungen der Experten:

Geoffrey Hinton (Nobelpreis Physik 2024, ehemals Google DeepMind) revidierte seine Einschätzung für den Zeitrahmen bis zu General Purpose AI von „20 bis 50 Jahre” auf „20 Jahre oder weniger” und verließ Google, um offen vor den Risiken warnen zu können. Seine zentrale Aussage: Es gebe eine langfristige existenzielle Bedrohung, die entstehe, wenn wir digitale Wesen erschaffen, die intelligenter sind als wir – und wir keine Ahnung haben, ob wir die Kontrolle behalten können („There is a longer term existential threat that will arise when we create digital beings that are more intelligent than ourselves, and we have no idea whether we can stay in control”) (Hinton 2023).

Dario Amodei (CEO Anthropic) beschreibt in seinem Essay „Machines of Loving Grace” (Oktober 2024) das Potenzial und die Risiken mächtiger KI-Systeme mit Millionen paralleler Instanzen und autonomer Handlungsfähigkeit. Er warnt insbesondere vor dem Einsatz als „Propaganda und Überwachung” – Werkzeuge im Instrumentarium autoritärer Regime.

Yoshua Bengio et al. veröffentlichten im Oktober 2023 ein Konsenspapier mit dem Titel „Managing AI Risks in an Era of Rapid Progress”, unterzeichnet von 24 führenden Forschern, darunter Hinton und der Historiker Yuval Noah Harari. Das Papier identifiziert Kontrollverlust über fortgeschrittene KI-Systeme als genuines Risiko und fordert, dass führende KI-Unternehmen mindestens ein Drittel ihrer Forschungsbudgets in Sicherheitsforschung investieren (Bengio et al. 2023).

Elon Musk – kein KI-Forscher, aber als Gründer von xAI und Mitgründer von OpenAI eine der einflussreichsten Stimmen in der KI-Debatte – beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass die KI-Entwicklung schlecht ausgeht, auf 10 bis 20 Prozent. Seine Einschätzung ist keine wissenschaftliche Analyse, aber sie illustriert, dass selbst innerhalb der Technologiebranche erhebliche Unsicherheit herrscht: Wenn man linear auf eine exponentielle Bedrohung reagiert, werde die Bedrohung wahrscheinlich gewinnen („If you have a linear response to an exponential threat, it’s quite likely the exponential threat will win”) (Musk 2023).

Die Vereinten Nationen reagierten im September 2024 mit dem Bericht „Governing AI for Humanity” ihres AI Advisory Body, der KI-Risiken als Bedrohung für internationalen Frieden und Sicherheit einstuft und sieben Empfehlungen für eine globale Governance ausspricht – darunter die Gründung eines internationalen wissenschaftlichen Gremiums für KI (UN Advisory Body 2024).

AGI und fortgeschrittene KI: Die Debatte der Experten

Arbeitsmarkt und soziale Stabilität

Ein Aspekt, der in der sicherheitspolitischen Debatte oft untergeht: KI verändert den Arbeitsmarkt. Der IWF schätzt, dass rund 40 Prozent aller Jobs weltweit von KI betroffen sein werden – in hochdigitalisierten Volkswirtschaften wie Deutschland deutlich mehr. Das WEF prognostiziert 92 Millionen wegfallende und 170 Millionen neue Arbeitsplätze bis 2030 – ein Netto-Plus, das aber massive Umbrüche und Verwerfungen in der Übergangsphase kaschiert (WEF 2025).

Für die Risikoanalyse ist relevant: Massenhafte Arbeitsplatzverluste in kurzer Zeit sind ein Stabilitätsrisiko. Die Ölkrise 1973 verdoppelte die Arbeitslosigkeit und destabilisierte die Gesellschaft. Eine KI-getriebene Disruption könnte – wenn sie schneller kommt als die Anpassungsfähigkeit des Arbeitsmarkts – ähnliche Dynamiken auslösen, insbesondere in Kombination mit anderen Krisen.

Abstrakt – bis es den eigenen Job betrifft

Die Debatte um AGI und Kontrollverlust wirkt futuristisch. Für die meisten Menschen ist KI ein Werkzeug, kein Risiko. Aber drei Aspekte sind bereits heute spürbar: Deepfakes machen es schwerer, Informationen zu bewerten – wem kann man noch glauben? KI-gestützte Phishing-Angriffe werden überzeugender – die Wahrscheinlichkeit, auf einen Betrugsversuch hereinzufallen, steigt. Und der Arbeitsmarkt verändert sich in einem Tempo, das Qualifikationen schneller entwertet, als das Bildungssystem neue aufbauen kann.

Für den Bürokaufmann, dessen Tätigkeit automatisiert wird, ist das kein langfristiges Risiko – es ist seine Realität. Für die Familie, die auf sein Einkommen angewiesen ist, ist Arbeitsplatzverlust durch KI genauso existenzbedrohend wie ein Hochwasser – nur ohne Versicherungsschutz und ohne Fluthelfer.

4. Risikoindex – Wahrscheinlichkeit × Folgenschwere

4.1 Risikomatrix

Die folgende Tabelle fasst die Risikobewertung zusammen. Die Werte basieren auf der Quellenanalyse und eigener Einschätzung. Wo die verwendeten Quellen explizite Bewertungen liefern, werden diese zugrunde gelegt. Wo sie fehlen, erfolgt eine begründete Einschätzung auf Basis der verfügbaren Evidenz.

E = Eintrittswahrscheinlichkeit (1–5), F = Folgenschwere (1–5), Index = E × F. Stufen: Gering (14), Mittel (5–9), Erhöht (10–14), Hoch (15–19), Kritisch (20–25). Sortierung nach Index absteigend. Bewertungsmethodik: siehe Anhang D.

Die Bewertungsmethodik und die Herleitung der Einzelwerte sind in Anhang D dokumentiert.

Sechs Risiken mit Index 15–16 (Hoch): Cyberangriff auf KRITIS (16), Energieversorgungskrise (15), hybride Angriffe (15), Extremwetter (15), Desinformation (15) und langandauernder Stromausfall (15). Diese Risiken sind entweder bereits eingetreten (Energieversorgungskrise, hybride Angriffe, Extremwetter, Desinformation) oder haben ein Schadenspotenzial, das die Bewältigungskapazität übersteigt (Blackout, KRITIS-Cyber). Die Energieversorgungskrise durch die HormusBlockade ist keine Hypothese – sie findet statt (E=5). Die direkte Folgenschwere für Deutschland wird mit F=3 bewertet, weil strategische Reserven (90 Tage) und die LNG-Diversifizierung den unmittelbaren Schock abfedern. Die erheblichen Kaskadeneffekte – Düngemittel, Chemie, Lebensmittelpreise – fließen in Kapitel 5 ein (vgl. Anhang D zur Abwägung).

Neun Risiken mit Index 10–12 (Erhöht): Pandemie, Lieferketten, KI-Auswirkungen, Biodiversität, Solarsturm, Polarisierung, CBRN, NATO-Konflikt, Geoökonomie. Diese Risiken erfordern aktive Vorsorge. Bemerkenswert: Die KI-Risikobewertung steht bei „Erhöht” – nicht wegen spekulativer Szenarien, sondern weil die Fachleute, die diese Technologie selbst entwickeln, sie als existenzielle Bedrohung einordnen, und weil Anthropics Mythos-Modell im April 2026 gezeigt hat, dass KIgestützte Cyberangriffe auf KRITIS keine theoretische Bedrohung mehr sind (vgl. Cluster C und H).

Die eigentliche Gefahr liegt nicht in Einzelrisiken. Der Risikoindex bildet isolierte Szenarien ab. Die Realität ist komplexer: Risiken treten selten allein auf, und die Kombination mehrerer mittlerer Risiken kann katastrophaler sein als ein einzelnes hohes Risiko. Das nächste Kapitel behandelt diese Kaskadeneffekte.

4.2 Lesehilfe

5. Kaskadeneffekte – Wenn ein Dominostein fällt

5.1 Das Grundprinzip

Der britische Psychologe James Reason entwickelte das „Schweizer-Käse-Modell” der Unfallforschung. Die Idee: Man stelle sich mehrere Scheiben Schweizer Käse hintereinander vor – jede Scheibe ist eine Schutzschicht (Notstrom, Vorräte, Warnsysteme, Nachbarschaftshilfe), und jede Scheibe hat Löcher (Schwachstellen). Solange die Löcher nicht auf einer Linie liegen, fängt die nächste Scheibe auf, was die vorherige durchlässt. Eine Katastrophe tritt ein, wenn mehrere Schwachstellen gleichzeitig aufeinandertreffen – wenn die Löcher fluchten und nichts mehr auffängt.

Übertragen auf gesellschaftliche Krisen: Kein einzelnes Risiko aus Kapitel 3 ist für sich genommen unbeherrschbar. Ein Stromausfall von 24 Stunden ist unangenehm, aber bewältigbar. Eine Hitzewelle ist belastend, aber nicht systemsprengend. Ein Cyberangriff auf ein einzelnes Unternehmen ist ein Versicherungsfall. Gefährlich wird es, wenn mehrere dieser Ereignisse zusammentreffen oder wenn eines das andere auslöst.

Die Studie des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) formuliert das Grundprinzip: „Die Abhängigkeiten zwischen den Infrastrukturbereichen erzeugen Kaskadeneffekte, bei denen der Ausfall eines Systems zu Beeinträchtigungen in mehreren anderen führt” (TAB 2011: 38). Das Grünbuch ergänzt die Aufzählung der betroffenen Bereiche bei einem Stromausfall: Informations- und Kommunikationstechnologien, Transport und Verkehr, Industrie und Produktion, Gesundheitswesen, Trinkwasserversorgung, Nahrungsmittelversorgung, Abwasserentsorgung, öffentliche Verwaltung, Banken- und Finanzwesen einschließlich Bargeldversorgung (ZOES 2013: 22).

5.2 Beispielkaskade 1: Cyberangriff → Stromausfall → Versorgungskollaps

Ein staatlich gesteuerter Cyberangriff auf die Steuerungssysteme der Energieversorgung führt zu einem großflächigen Stromausfall in Süddeutschland. Die Konzeption Zivile Verteidigung (KZV) beschreibt die Abhängigkeiten: „Die Wasserwirtschaft ist vollständig von funktionierender Stromversorgung abhängig” (TAB 2011: 45). Innerhalb von Stunden fallen Mobilfunknetze aus – „ohne funktionierende Kommunikationssysteme können Behörden und Einsatzkräfte nicht koordiniert werden” (TAB 2011: 54).

Das BBK kommt zu einem ähnlichen Schluss: „Wasserwerke benötigen Strom und digitale Systeme. Ohne sie fällt die Wasserversorgung aus” und „Ohne Strom oder funktionierende digitale Systeme fällt das Mobilfunknetz aus. Es gibt kein Internet mehr und man kann nicht mehr telefonieren” (BBK 2025: 5).

Wenn dieser Cyberangriff im Kontext einer hybriden Kampagne erfolgt – begleitet von Desinformation, die falsche Entwarnung oder falsche Gefahrenmeldungen verbreitet –, wird die Kaskade zum Krisenmultiplikator.

5.3 Kaskade 2: Hormus-Blockade → Energiekrise → Düngemittel → Lebensmittel → soziale Spannungen

Diese Kaskade ist keine hypothetische Übung. Sie läuft seit Anfang 2026. Die iranische Blockade der Straße von Hormus hat den Schiffsverkehr um 95 Prozent einbrechen lassen. Der Ölpreis schwankt mit Spitzenwerten um 140 Dollar pro Barrel. Transport- und Heizkosten steigen. Aber die eigentliche Kaskade geht tiefer als der Energiepreis.

Über die Straße von Hormus fließt auch ein Drittel des globalen Düngemittelhandels. Die Golfstaaten produzieren über die Hälfte des weltweiten Harnstoffs – Grundstoff für Stickstoffdünger, der 45 Prozent der globalen Nahrungsmittelproduktion sichert. Die Düngemittelpreise sind seit Jahresbeginn um 30 bis 40 Prozent gestiegen. Parallel verteuert sich die Produktion von grauem Wasserstoff (95 Prozent der deutschen Produktion basieren auf Erdgas), was die chemische Industrie unter Druck setzt.

Die Kette: Energiepreis steigt → Düngemittel werden knapp und teuer → Produktionskosten in der Landwirtschaft steigen → Lebensmittelpreise steigen → Kaufkraft sinkt → soziale Spannungen nehmen zu. In einer Gesellschaft, die bereits durch Polarisierung und Vertrauensverlust vorbelastet ist, verstärkt Desinformation den Effekt: Falschmeldungen über Rationierungen, über Bevorzugung bestimmter Gruppen, über behördliches Versagen. Das Ergebnis ist eine Krise, die mit keinem einzelnen Risikocluster erfasst wird – sondern nur als Kaskade über die Cluster A (Geopolitik), E (Versorgung), G (Gesellschaft) und B (Infrastruktur).

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) beziffert den Gesamtschaden für Deutschland auf 40 bis 80 Milliarden Euro (IW 2026). Die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) warnt, dass das globale Handelswachstum von 4,7 Prozent (2025) auf 1,5 bis 2,5 Prozent (2026) sinken könnte (UNCTAD 2026). Das Welternährungsprogramm sieht das Risiko von Hungersnöten auf Rekordniveau – nicht in Deutschland, aber in Ländern, die zu 85 bis 90 Prozent von Düngemittelimporten abhängen.

5.4 Beispielkaskade 3: Extremwetter + Lieferkettenstörung + Pandemie

Eine hypothetische Dürreperiode im Sommer 2028 reduziert die Ernte, senkt den Pegelstand der Flüsse (→ Einschränkung der Binnenschifffahrt, → Kühlwasserprobleme für Kraftwerke) und belastet das Gesundheitssystem durch Hitzeopfer. Gleichzeitig ist eine neue Virusvariante im Umlauf, die das Gesundheitssystem zusätzlich beansprucht. Internationale Lieferketten für Medikamente sind durch Produktionsengpässe in Asien gestört.

Jedes dieser Ereignisse ist für sich genommen bewältigbar. In Kombination überfordern sie die Kapazitäten – insbesondere in urbanen Ballungsräumen mit hoher Bevölkerungsdichte und geringer Selbstversorgungsfähigkeit.

5.5 Der 72-Stunden-Widerspruch

Das BBK empfiehlt, sich auf „möglichst 10 Tage” Selbstversorgung vorzubereiten, wobei „auch ein Vorrat für zumindest 3 Tage schon sehr hilft” (BBK 2025: 3). Die KZV setzt den Idealstandard bei zehn Tagen (BMI 2016: 47). Die Trinkwasser-Notversorgung durch den Staat ist für 14 Tage zugesichert (BMI 2016: 46).

Gleichzeitig zeigen die eigenen Analysen der Bundesbehörden: Die Szenarien, für die vorgesorgt werden soll, dauern deutlich länger. Die TAB-Studie beschreibt Versorgungsprobleme, die sich über Wochen und Monate erstrecken. Die CBRN-Risikoanalyse 2025 spricht von kontaminierten Gebieten, die „auf Monate unbewohnbar” sein können. Die KZV selbst beschreibt ein Konfliktszenario, das von hybrider Einflussnahme über eine Krise bis zum bewaffneten Konflikt eskaliert – ein Prozess, der Monate oder Jahre dauern kann.

Zwischen der offiziellen Empfehlung (3–10 Tage Selbstversorgung) und den offiziellen Szenarien (Wochen bis Monate Krisendauer) klafft eine Lücke, die dieses Paper als den „72-Stunden-Widerspruch” bezeichnet. Dabei folgt das BBK einer nachvollziehbaren Logik: Die Empfehlung richtet sich an die Gesamtbevölkerung und deckt die statistisch häufigsten Szenarien ab – regionale Extremwetter, kurzfristige Infrastrukturausfälle. Für die schwereren Szenarien (CBRN, bewaffneter Konflikt) sieht der Staat andere Instrumente vor: Rationierung, Evakuierung, hoheitliche Bewirtschaftung. Die Frage ist nur, ob diese Instrumente im Ernstfall schnell genug greifen – und die eigenen behördlichen Analysen legen nahe, dass das nicht gesichert ist. Wer die Szenarien kennt, wird seine Vorsorge nicht an der Untergrenze orientieren.

6. Wer ist verwundbar? – Demografie und Psychologie

Die bisherigen Kapitel beschreiben, welche Risiken bestehen und wie sie zusammenwirken. Dieses Kapitel stellt die Frage: Wen trifft es? Die Antwort ist klar: Nicht alle sind gleich verwundbar. Alter, Wohnsituation, Gesundheit, soziale Einbindung und psychische Disposition bestimmen, ob eine Krise eine Unannehmlichkeit ist oder eine Existenzbedrohung.

6.1 Demografische Verwundbarkeit

Eine alternde Gesellschaft

Deutschland altert. 2022 waren 22,1 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt. Bis 2030 wird dieser Anteil auf 24 bis 25 Prozent steigen. Bis 2035 wird jede vierte Person 67 Jahre oder älter sein – das sind mindestens 20,1 Millionen Menschen (Destatis 2024).

Was bedeutet das für Krisensituationen? Ältere Menschen sind häufiger chronisch krank, mobilitätseingeschränkt und auf Medikamente angewiesen. Bei einem Stromausfall im Winter betrifft sie die fehlende Heizung zuerst – ein gesunder 30-Jähriger hält eine kalte Nacht aus, ein 82-Jähriger mit COPD möglicherweise nicht. Bei einer Evakuierung sind sie langsamer. Bei Hitze sterben sie zuerst – und zwar leise, wie die Hitzewellen-Referenzfälle zeigen.

17 Millionen allein

41,6 Prozent aller Haushalte in Deutschland sind Einpersonenhaushalte – das klingt nach fast der Hälfte der Bevölkerung, entspricht aber rund 17 Millionen Menschen, also etwa jedem Fünften (BBSR 2025). In Großstädten wie Berlin, Hamburg und München liegt der Anteil bei rund 50 Prozent. Tendenz steigend: Bis 2045 werden 44 Prozent aller Haushalte Einpersonenhaushalte sein, in Stadtstaaten über 52 Prozent (BBSR 2025).

In einer Krise bedeutet Alleinleben: keine eingebaute Redundanz. Wer allein lebt und stürzt, liegt am Boden, bis jemand nach ihm schaut – oder nicht. Wer allein lebt und den Strom verliert, hat niemanden, der Wasser holt oder die Nachbarn fragt. Wer allein lebt und krank wird, muss sich selbst helfen. 17 Millionen Menschen in Deutschland leben so. Viele von ihnen kennen ihren Nachbarn nicht. Die Frage „Wer schaut nach mir?” ist keine sentimentale Sorge, sondern eine Überlebensfrage.

Chronisch krank und systemabhängig

Rund 90.000 Menschen in Deutschland sind regelmäßig dialysepflichtig. Ihre Maschinen brauchen Strom. Ohne Dialyse wird die Lage nach drei bis fünf Tagen lebensbedrohlich. 7,5 bis 10 Millionen Menschen haben Diabetes mellitus – die insulinpflichtigen unter ihnen brauchen eine funktionierende Kühlkette für ihr Insulin, die bei einem Stromausfall nach etwa 30 Stunden bricht. 13 Prozent aller pflegebedürftigen Personen sind auf stromabhängige Hilfsmittel angewiesen: Beatmungshilfen (36,8 Prozent), Bett- und Patientenlifter (22,4 Prozent), Hausnotruf (9,1 Prozent), Elektrorollstühle (7 Prozent).

Diese Menschen sind bei jedem Infrastrukturausfall die ersten Opfer. Nicht nach Tagen – nach Stunden.

Sprache als Barriere

6 Prozent der Bevölkerung sprechen kein Deutsch. Weitere 17 Prozent sind mehrsprachig mit unterschiedlichen Deutschkenntnissen. Die Notfall-Informations- und Nachrichten-App (NINA) ist mittlerweile in neun Sprachen verfügbar (Deutsch, Englisch, Französisch, Polnisch, Russisch, Spanisch, Türkisch, Arabisch sowie Leichte Sprache), Cell Broadcast funktioniert auf Deutsch und Englisch (BBK 2026). Das ist ein Fortschritt – aber bei Warnmeldungen werden vor allem Freitextinformationen und regionale Zusatzhinweise nicht vollständig übersetzt. Sirenen und Lautsprecherdurchsagen bleiben überwiegend einsprachig.

Im Ahrtal kamen Warnungen zu spät oder gar nicht an – auch bei Muttersprachlern. Für jemanden, der die Durchsage „Kontamination im Stadtteil Ost – geschlossene Räume aufsuchen, Fenster und Türen schließen” nicht versteht, kann die Warnung genauso gut nicht existieren. Die Mehrsprachigkeit der digitalen Warnsysteme ist ein Schritt in die richtige Richtung, deckt aber bei weitem nicht alle Kanäle und Situationen ab.

Ballungsräume: Verwundbarkeit auf engstem Raum

77,9 Prozent der deutschen Bevölkerung leben in Städten und stadtnahen Gebieten (Weltbank/UN 2023). Die Ballungsräume vereinen alle Verwundbarkeiten: hoher Anteil Alleinlebender, hohe Abhängigkeit von zentraler Infrastruktur, keine Ausweichmöglichkeiten, keine Selbstversorgungsfähigkeit. Wo eine Familie auf dem Land einen Brunnen im Garten und Brennholz vor dem Haus hat, hat die Mieterin im achten Stock eines Plattenbaus – nichts. Kein Wasser, keine Heizung, keinen Aufzug, keinen Garten, keinen Generator.

Die Klimawirkungs- und Risikoanalyse (KWRA) identifiziert die Ballungsräume als Klimahotspots: Ruhrgebiet, Rhein-Main-Neckar und Berlin (Umweltbundesamt – UBA 2022: 10). Dort, wo die Bevölkerungsdichte am höchsten ist, sind die Risiken am größten und die Puffer am dünnsten.

6.2 Die psychologische Dimension

Normalcy Bias: „Das passiert mir nicht”

Wenn eine Warnung kommt, handeln die meisten Menschen nicht sofort. Sie warten ab. Sie suchen Bestätigung. Sie fragen Nachbarn, checken Nachrichten, schauen aus dem Fenster. Der Katastrophenforscher Thomas Drabek zeigte in über 400 Feldstudien: Menschen konsultieren im Durchschnitt vier oder mehr Informationsquellen, bevor sie eine Handlungsentscheidung treffen (Drabek 2001). Dieses Verhalten – in der Forschung als „Milling Behavior” bezeichnet – ist keine Dummheit und keine Panik. Es ist rationale Informationssuche unter Unsicherheit. Aber es kostet Zeit. Und in einer akuten Krise kann Zeit den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.

Die zugrunde liegende kognitive Verzerrung heißt Normalcy Bias – die Tendenz, Wahrscheinlichkeit und Ausmaß von Katastrophen zu unterschätzen, weil sie außerhalb der eigenen Erfahrung liegen. Das Gehirn filtert Gefahreninformationen durch den Erfahrungsraum: Was ich nie erlebt habe, kann nicht real sein. Amanda Ripley beschreibt in „The Unthinkable” (2008) drei Phasen der menschlichen Reaktion auf Katastrophen: Verleugnung, Überlegung, Handlung. Der kritische Punkt ist der Übergang von Phase eins zu Phase drei – und dieser Übergang dauert bei vielen Menschen zu lange.

Dokumentierte Beispiele: Am 11. September 2001 schrieben Angestellte im World Trade Center noch E-Mails und sammelten persönliche Gegenstände, nachdem die Evakuierung ausgelöst worden war (NIST 2005). Im Ahrtal hatten die Behörden Stunden Zeit zwischen den meteorologischen Warnungen und dem Eintreffen der Flut – aber die Bevölkerung wurde zu spät informiert (vgl. Cluster D). Wo die Warnung ankam, reagierten viele Betroffene dennoch nicht oder zu spät – „So etwas hat es hier nie gegeben.”

Ein verbreitetes Missverständnis: Der Normalcy Bias wird oft mit „Panik” kontrastiert, als seien das die zwei Pole menschlichen Verhaltens in Katastrophen. Die Forschung zeigt das Gegenteil. Der Soziologe Lee Clarke wies nach über 50 Jahren empirischer Katastrophenforschung nach: Echte Panik – also irrationales, rein selbstbezogenes Fluchtverhalten – ist extrem selten (Clarke 2002). Enrico Quarantelli, Gründer des Disaster Research Center an der University of Delaware und Autor von über 700 Feldstudien, kam zu dem Schluss, dass „Panik” als wissenschaftliches Konzept aufgegeben werden sollte. Menschen zeigen in Katastrophen weit häufiger Prosozialität und Kooperation als Panik (Quarantelli 1997).

Das bedeutet für die Krisenvorsorge: Warnungen allein reichen nicht. Menschen brauchen Übungen, Erfahrungen, mentale Anker. Wer einen Evakuierungsdrill gemacht hat, reagiert schneller als jemand, für den das Szenario rein theoretisch ist. Und: Die Warnung muss nicht nur technisch ankommen – sie muss so formuliert sein, dass sie die Phase der Verleugnung durchbricht.

Im März 2020 stieg der Toilettenpapierverkauf in Deutschland um bis zu 700 Prozent. Kein Produzent hatte weniger hergestellt. Kein Lager war leer. Aber die Angst vor Knappheit reichte aus, um Knappheit zu erzeugen. 2022 wiederholte sich das Muster mit Speiseöl nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs. In beiden Fällen war der Mechanismus identisch: Kontrollverlust erzeugt den Drang, irgendetwas zu tun. Kaufen gibt die Illusion von Handlungsfähigkeit. Und wenn die Nachbarin mit vier Paketen Nudeln aus dem Supermarkt kommt, greift der Herdentrieb.

Für die Risikoplanung hat das eine konkrete Konsequenz: Hamsterkäufe erzeugen lokale Engpässe, die real werden können, auch wenn landesweit genug vorhanden ist. Das Just-in-Time-System der Supermärkte – optimiert auf Effizienz, nicht auf Resilienz – hat keinen Puffer für sprunghafte Nachfragespitzen. Die TAB-Studie beziffert den Zeitraum bis zur Leerung der Supermarktregale bei unterbrochenem Nachschub auf drei bis fünf Tage (TAB 2011: 50). Hamsterkäufe verkürzen dieses Fenster erheblich.

Hamsterkäufe: Wenn der Glaube an Knappheit Knappheit erzeugt

Worried Well: Die unsichtbare Überlastung

Die CBRN-Risikoanalyse 2025 quantifiziert ein Phänomen, das in der Sicherheitsplanung chronisch unterschätzt wird: Bei chemischen oder radiologischen Ereignissen übersteigt die Zahl der psychisch Betroffenen ohne physische Verletzung – die sogenannten „Worried Well” – die Zahl der tatsächlich Verletzten um ein Vielfaches. Das Verhältnis in der Fachliteratur: auf 100 tatsächlich Exponierte kommen 500 bis 1.000 Menschen, die glauben, exponiert zu sein, und die Notaufnahme stürmen. Das Ergebnis: Das Rettungssystem wird durch Nicht-Verletzte blockiert, während die tatsächlich Betroffenen auf Behandlung warten. Krankenhäuser haben für dieses Szenario ein Konzept: sogenannte „Mild Casualties Centers” – Anlaufstellen außerhalb der Kliniken, um Worried Well aufzufangen. In Deutschland ist die Implementierung dieser Konzepte lückenhaft.

Die CovSocial-Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung untersuchte die psychische Belastung der Bevölkerung während der gesamten Pandemie – nicht als Momentaufnahme, sondern über den Verlauf. Die Ergebnisse widerlegen die Annahme, dass Menschen durch Krisenerfahrung widerstandsfähiger werden. Die Prävalenz depressiver Symptome stieg von 5,9 Prozent vor der Pandemie auf 9,7 Prozent im Herbst 2022. Angstsymptome stiegen von 3,9 auf 6,2 Prozent. Der zweite Lockdown war psychisch belastender als der erste. Die Belastung akkumulierte sich – Menschen wurden nicht härter, sie wurden müder (MPI 2020–2023).

Der entscheidende Faktor war nicht die Schwere der Bedrohung, sondern die Dauer. Und innerhalb der Dauer war die zentrale Schädigungsvariable Isolation. Menschen mit funktionierenden sozialen Netzwerken – Familie, Freunde, Nachbarn, die regelmäßig Kontakt halten – zeigten deutlich weniger psychische Belastung als Isolierte. Besonders betroffen waren Frauen, Menschen unter 40, finanziell Belastete und Alleinlebende – also Gruppen, die sich mit den demografisch Verwundbaren aus Abschnitt 6.1 überschneiden.

Das hat konkrete Konsequenzen für jeden Krisenfall, der länger als ein paar Tage dauert. Ein mehrtägiger Blackout, ein CBRN-Ereignis mit Evakuierung, eine Pandemie mit Kontaktbeschränkungen – in all diesen Szenarien ist die psychische Belastung kein Nebeneffekt. Sie ist ein eigenständiges Problem, das Ressourcen bindet, Handlungsfähigkeit einschränkt und die Verwundbarsten am härtesten trifft.

Langandauernde Krisen: Der zweite Lockdown war härter als der erste

Die Mehrheit hält durch – aber ein Drittel nicht

Die CovSocial-Daten zeigen auch die andere Seite: 65,7 Prozent der Bevölkerung zeigten während der gesamten Pandemie konstant niedrige psychische Belastung – resiliente Verläufe trotz der Krise. Die Mehrheit wird durchkommen. Aber rund ein Drittel ist psychisch verwundbar. Und dieses Drittel überschneidet sich erheblich mit den demografisch Verwundbaren: alt, allein, chronisch krank, finanziell prekär, sozial isoliert. Wer mehrere dieser Faktoren auf sich vereint, ist in einer langandauernden Krise ohne funktionierendes Hilfsnetz akut gefährdet – nicht durch die Krise selbst, sondern durch das, was die Krise mit der Psyche macht.

6.1 Demografische Verwundbarkeit

Die Risikocluster aus Kapitel 3 beschreiben, was passieren kann. Die Demografie und Psychologie bestimmen, wie schwer es trifft. Ein langandauernder Stromausfall in einem Dorf mit intakter Nachbarschaft, jungen Familien und Zugang zu Brennholz und Brunnenwasser ist eine ernste Herausforderung. Derselbe Stromausfall in einem Berliner Hochhaus mit 80 Prozent Einpersonenhaushalten, einer 85-Jährigen mit Beatmungsgerät im dritten Stock und einem Diabetiker im fünften Stock, der kein Deutsch spricht – das ist eine Katastrophe.

Die KZV setzt auf „Selbstschutz und Selbsthilfe” als Basis des Zivilschutzes (BMI 2016: 19). Dieses Konzept setzt voraus, dass die Bevölkerung in der Lage ist, sich selbst zu helfen. Die demografischen und psychologischen Daten zeigen: Ein wachsender Teil der Bevölkerung ist das nicht – nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus strukturellen Gründen.

7. Was der Staat plant – und wo die Lücken sind

7.1 Behördliche Maßnahmen

Die Bundesregierung hat seit der „Zeitenwende” 2022 eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet:

Die Nationale Sicherheitsstrategie (Juni 2023) definiert erstmals einen integrierten Sicherheitsbegriff mit drei Säulen: wehrhaft, resilient, nachhaltig. Sie benennt Bedrohungen, die zuvor in offiziellen Dokumenten nicht oder nur am Rande vorkamen – darunter hybride Kriegsführung, Desinformation und klimabedingte Sicherheitsrisiken.

Die Deutsche Resilienzstrategie (2024) umfasst 420 Maßnahmen, davon 70 unter Federführung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Schwerpunkte sind Selbstschutz und Selbsthilfe, Weiterentwicklung der Konzeption Zivile Verteidigung (KZV), Länder- und ressortübergreifende Krisenmanagementübungen (LÜKEX) und die Risikoanalyse-Serie des Bundes.

Das Gesetz über die Sicherheit kritischer Infrastrukturen (KRITIS-Dachgesetz, in Kraft seit März 2026) schließt eine jahrzehntelange Schutzlücke bei der physischen Resilienz kritischer Infrastrukturen. Es verpflichtet Betreiber erstmals zu Risikoanalysen, Resilienzplänen und einem AllGefahren-Ansatz: „naturbedingte, technische oder menschlich verursachte Risiken […] darunter Extremereignisse durch Unfälle, Naturereignisse und gesundheitliche Notlagen sowie hybride Bedrohungen, sicherheitsgefährdende oder andere feindliche Bedrohungen, einschließlich terroristischer Straftaten” (KRITISDachG 2026: § 11 Abs. 2).

Die Risikoanalyse-Serie des Bundes liefert seit 2012 szenariobasierte Analysen. Die jüngste (2025, Szenarien für chemische, biologische, radiologische und nukleare Kampfstoffe – CBRN) markiert eine Zäsur: Erstmals wird ein Kriegsszenario durchgespielt, in dem der Angriff nicht durch Terroristen, sondern durch einen staatlichen Akteur im Kontext eines militärischen Konflikts erfolgt.

LÜKEX 2026 übt das Szenario „Dürre und Hitzewelle” – ein Indikator dafür, welche Szenarien die Behörden als realistisch und übungswürdig einstufen.

7.2 Die Lücken

Zeitlücke

Zwischen Erkenntnis und Umsetzung liegen Jahre. Die KZV wurde 2016 verabschiedet. Ihre Fortschreibung ist seit 2022 in Arbeit. Das KRITIS-Dachgesetz ist seit März 2026 in Kraft – die Betreiber haben nun vier Jahre Zeit für ihre erste Risikoanalyse. Die TAB-Studie zum Blackout wurde 2011 veröffentlicht. Eine Aktualisierung ist nie erfolgt, obwohl die Abhängigkeiten von Stromversorgung seither massiv gewachsen sind.

Die Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS) fordert: „Schnelligkeit vor Perfektion” (Lange 2025). Die oben genannten Zeiträume zeigen, dass in der Praxis das Gegenteil dominiert.

Kapazitätslücke

Die Risikoanalyse für chemische, biologische, radiologische und nukleare (CBRN) Kampfstoffe 2025 zeigt in aller Deutlichkeit: Das Verhältnis von Kapazität zu Bedarf im Krisenfall ist in vielen Bereichen inakzeptabel. 1.700 CBRN-spezialisierte Intensivbetten für 6.500 Schwerverletzte. CBRN-Schutzausrüstung, die erst nach sieben Stunden verfügbar ist. Dekontaminationskapazitäten, die für das Szenario bei weitem nicht ausreichen.

Umsetzungslücke

Die KZV fordert, dass die Bevölkerung „flächendeckend über Grundkenntnisse bzw. Grundfähigkeiten in folgenden Bereichen verfügen” soll: „sicherer Aufenthalt in Gefahrenlagen, Verhalten bei CBRN-Ereignissen, Selbstversorgung, Erste Hilfe, Brandbekämpfung” (BMI 2016: 22). Dafür soll „im Benehmen mit den Ländern ein ‚Rahmenkonzept Selbstschutz’ entwickelt” werden (BMI 2016: 22). Zehn Jahre später ist unklar, wie weit dieses Rahmenkonzept gediehen ist und wie viele Bürger über die genannten Grundfähigkeiten verfügen.

Kommunikationslücke

Der Staat warnt – durch die Notfall-Informations- und Nachrichten-App (NINA), Cell Broadcast, Sirenen, Radio. Aber die CBRN-Risikoanalyse 2025 zeigt, dass die Bevölkerung im Szenario nicht weiß, was zu tun ist: Welche Bereiche sind kontaminiert? Soll man fliehen oder bleiben? Was bedeutet eine CBRN-Warnung konkret? Der Ratgeber des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt: „Bleiben Sie erreichbar” und „Halten Sie zum Beispiel Ihr Handy auch nachts empfangsbereit” (BBK 2025: 11). In einem Blackout-Szenario ist genau das nicht möglich.

Ehrlichkeitslücke

Ein Außenstehender kann die internen Abwägungen der Behörden nicht beurteilen – die Balance zwischen notwendiger Warnung und Panikprävention ist eine Gratwanderung, die der Autor nicht aus eigener Erfahrung kennt. Was sich aber von außen beobachten lässt: Der Staat kommuniziert die Grenzen seiner eigenen Schutzfähigkeit nicht deutlich genug. Die Konzeption Zivile Verteidigung (KZV) formuliert es verklausuliert: „Basis des Zivilschutzes ist die Fähigkeit der Bevölkerung, sich selbst zu schützen und (auch gegenseitig) zu helfen, bis qualifizierte, in der Regel staatlich organisierte Hilfe eintrifft” (BMI 2016: 19). Das klingt nach einem geordneten Übergang. Die Realität der Szenarien, die der Staat selbst durchspielt, zeigt: Die qualifizierte Hilfe kann Stunden, Tage oder Wochen auf sich warten lassen.

7.3 Einschätzung: Wie weit trägt der Staat – und wo endet sein Schutz?

Die Maßnahmen aus 7.1 sind real und sie sind ein Fortschritt gegenüber der Situation vor 2022. Die Frage ist: Reichen sie?

Die ehrliche Antwort: Nein. Nicht in den Szenarien, die der Staat selbst für plausibel hält.

Die Zeitlücke ist das größte Problem. Das Gesetz über die Sicherheit kritischer Infrastrukturen (KRITIS-Dachgesetz) gibt Betreibern vier Jahre für die erste Risikoanalyse – bis 2030. Die Fortschreibung der Konzeption Zivile Verteidigung (KZV) ist seit 2022 in Arbeit. Die Studie des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) wurde seit 2011 nie aktualisiert. Das bedeutet: Die Schutzmaßnahmen, die heute geplant werden, greifen frühestens am Ende des Betrachtungszeitraums dieses Papers. In der Zwischenzeit – den nächsten vier Jahren – lebt die Bevölkerung mit der alten Infrastruktur und den neuen Bedrohungen.

Die Kapazitätslücke ist nicht schließbar. 1.700 CBRN-spezialisierte Intensivbetten bei über 6.500 Schwerverletzten. CBRN-Schutzausrüstung, die erst nach sieben Stunden verfügbar ist. Die Länder- und ressortübergreifenden Krisenmanagementübungen (LÜKEX) sind sinnvoll – aber sie offenbaren regelmäßig dieselben Defizite, die in der nächsten Übung wieder auftreten. Das Problem ist strukturell: Deutschland hat seine Zivilschutzkapazitäten über drei Jahrzehnte abgebaut. Diesen Abbau rückgängig zu machen, dauert Jahre und kostet Milliarden.

Die Umsetzungslücke betrifft den Bürger direkt. Die Konzeption Zivile Verteidigung (KZV) fordert seit 2016, dass die Bevölkerung Grundfähigkeiten in Selbstschutz, Erster Hilfe und CBRN-Verhalten besitzen soll. Ein Rahmenkonzept Selbstschutz sollte entwickelt werden. Zehn Jahre später gibt es den Ratgeber des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) – ein gutes Dokument –, aber keine systematische Ausbildung, keine Pflichtübungen, keine belastbaren Daten darüber, wie viele Bürger die empfohlenen Mindeststandards erfüllen. Der Selbstschutz, den der Staat als Basis des Zivilschutzes definiert, ist eine Erwartung ohne Infrastruktur.

Was bedeutet das konkret? In den ersten 72 Stunden einer Großkrise ist die Bevölkerung weitgehend auf sich gestellt. Nicht weil der Staat versagt, sondern weil die Kapazitäten objektiv nicht ausreichen, um 83 Millionen Menschen gleichzeitig zu schützen. Die Qualität der eigenen Vorbereitung – Vorrat, Wissen, Netzwerk – entscheidet darüber, ob diese 72 Stunden eine Unannehmlichkeit sind oder eine Existenzbedrohung. Und die offiziellen Szenarien zeigen: 72 Stunden sind der Anfang, nicht das Ende.

Der Staat tut etwas. Er tut mehr als vor 2022. Aber zwischen dem, was er tut, und dem, was die Szenarien seiner eigenen Risikoanalysen erfordern, klafft eine Lücke, die der Einzelne kennen und – soweit möglich – selbst schließen sollte.

8. Was das für den Einzelnen bedeutet

8.1 Drei Zielgruppen, drei Perspektiven

Die Konsequenzen aus dieser Risikoanalyse fallen unterschiedlich aus, je nachdem, wo man steht. Dieses Kapitel unterscheidet drei Perspektiven: den informierten Bürger, die vorsorgende Familie und den systematischen Vorsorger.

Der informierte Bürger

Wer die Quellen dieses Papers zur Kenntnis nimmt, kommt zu einer nüchternen Erkenntnis: Die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten Jahren eine Krise zu erleben, die über den normalen Alltag hinausgeht, ist nicht gering. Extremwetterereignisse sind bereits Realität. Hybride Angriffe finden statt. Lieferkettenprobleme treten wiederholt auf.

Die Mindestkonsequenz ist Informiertheit. Das bedeutet: Die Notfall-Informations- und Nachrichten-App (NINA) installieren. Radio als Informationsquelle einplanen (funktioniert auch bei Stromausfall mit Batterie- oder Kurbelradio). Die Empfehlungen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) kennen – nicht als Pflichtlektüre, sondern als Orientierung.

Der BBK-Ratgeber bringt es auf den Punkt: „Sie wissen, was zu tun ist, und können dadurch ruhiger bleiben. Sie können sich und andere versorgen, bis Hilfe eintrifft. Sie entlasten Rettungskräfte” (BBK 2025: 3). Der letzte Punkt ist oft unterschätzt: Jeder Bürger, der sich selbst helfen kann, ist ein Bürger weniger, um den sich das ohnehin überlastete Hilfeleistungssystem kümmern muss.

Die vorsorgende Familie

Für Familien – insbesondere mit Kindern, älteren Angehörigen oder chronisch Kranken – hat Vorsorge eine andere Dringlichkeit. Die vulnerablen Mitglieder einer Familie sind die ersten, die unter Versorgungsengpässen leiden.

Die Konzeption Zivile Verteidigung (KZV) gibt den Rahmen vor: zehn Tage Lebensmittelvorrat, Trinkwasser (2 Liter pro Person und Tag zum Trinken, idealerweise weitere Mengen für Hygiene), wichtige Medikamente, Dokumentensicherung. Der Ratgeber des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) konkretisiert das in Checklisten.

Darüber hinaus zeigt die Quellenanalyse: Der Unterschied zwischen einer Familie, die eine Woche ohne Strom überbrücken kann, und einer Familie, die nach 24 Stunden auf externe Hilfe angewiesen ist, ist enorm. Dieser Unterschied entsteht nicht durch teure Ausrüstung, sondern durch Planung: Weiß die Familie, wo der nächste Trinkwasserbrunnen ist? Gibt es eine Absprache mit Nachbarn? Ist ein batteriebetriebenes Radio vorhanden? Sind die wichtigsten Dokumente kopiert und griffbereit?

Die Konzeption Zivile Verteidigung (KZV) definiert die Selbstschutz-Kompetenzen, die der Staat für wünschenswert hält: „sicherer Aufenthalt in Gefahrenlagen, Verhalten bei chemischen, biologischen, radiologischen und nuklearen (CBRN) Ereignissen, Selbstversorgung, Erste Hilfe, Brandbekämpfung” (BMI 2016: 22). Das ist kein Survival-Training – das sind Grundfähigkeiten, die jeder Erwachsene beherrschen sollte.

Der systematische Vorsorger

Für diejenigen, die sich systematisch mit Krisenvorsorge befassen – ob aus beruflichen Gründen, aus persönlicher Überzeugung oder weil sie Verantwortung für andere tragen –, liefert diese Analyse eine quellenbasierte Grundlage für ihre Entscheidungen.

Die zentrale Erkenntnis: Die offiziellen Szenarien sind ernster, als die offiziellen Empfehlungen vermuten lassen. Wer die Risikoanalyse 2025, die Studie des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) und die Konzeption Zivile Verteidigung (KZV) gelesen hat, weiß: Drei Tage Vorrat sind ein Anfang. Zehn Tage sind die offizielle Empfehlung. Die offiziellen Szenarien beschreiben Lagen, die Wochen bis Monate dauern. Wer sich an der Schwere der behördlichen Szenarien orientiert statt nur an den behördlichen Empfehlungen, kommt zu einem deutlich umfangreicheren Vorsorgeprofil.

Die Risikocluster legen nahe, in welchen Bereichen Vorsorge den größten Nutzen hat:

▶︎ Wasser und Ernährung. In jedem Krisenszenario – Blackout, chemische/biologische/radiologische/nukleare (CBRN) Ereignisse, Extremwetter, Lieferkettenstörung – ist die Nahrungsmittel- und Wasserversorgung betroffen. Die Studie des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) zeigt: Die Supermarktregale sind nach drei bis fünf Tagen leer. Die Wasserversorgung bricht bei einem Stromausfall innerhalb von Stunden zusammen. Vorrat ist keine Paranoia, sondern das Minimum an Eigenverantwortung, das der Staat selbst empfiehlt.

▶︎ Energie und Wärme. Alternative Kochmöglichkeiten (Campingkocher, Gaskocher), Wärmequellen für den Winter (die nicht von Strom oder Gas abhängen), Lichtquellen, Lademöglichkeiten für Mobilgeräte (Powerbanks, Solarpanels).

▶︎ Kommunikation und Information. Batterie- oder Kurbelradio, festgelegte Treffpunkte für den Fall, dass Mobilfunk ausfällt, Papierkarten der Umgebung. Die Empfehlung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK): „Bleiben Sie erreichbar” – aber planen Sie auch für den Fall, dass das nicht möglich ist.

▶︎ Medizinische Versorgung. Erweiterte Hausapotheke, Kenntnisse in Erster Hilfe (die KZV nennt es explizit als Grundfähigkeit), Vorrat an verschreibungspflichtigen Medikamenten (soweit möglich), Hygieneartikel.

▶︎ Dokumentensicherung. Kopien aller wichtigen Dokumente (Personalausweis, Reisepass, Versicherungspolicen, Grundbuchauszüge) wasserdicht verpackt und griffbereit.

▶︎ Praktische Fähigkeiten. Die KZV-Liste (Selbstversorgung, Erste Hilfe, Brandbekämpfung, Verhalten in Gefahrenlagen) ist ein Mindeststandard. Darüber hinaus: Orientierung ohne GPS, Wasseraufbereitung, Grundlagen der Lebensmittelkonservierung, Umgang mit Werkzeugen.

▶︎ Psychische Vorbereitung. Die Risikoanalyse für chemische, biologische, radiologische und nukleare (CBRN) Stoffe 2025 zeigt: Die Zahl der „psychisch Betroffenen ohne physische Verletzung” übersteigt die Zahl der tatsächlich Verletzten um ein Vielfaches. Wer mental auf Krisensituationen vorbereitet ist – wer weiß, dass Stress, Unsicherheit und Informationsdefizite normal sind –, reagiert besser. Das ist keine esoterische Empfehlung, sondern angewandte Psychologie.

▶︎ Netzwerke. Keine Krise wird allein bewältigt. Die Konzeption Zivile Verteidigung (KZV) spricht von „gegenseitiger Hilfe”. In der Praxis bedeutet das: Kennen Sie Ihre Nachbarn? Gibt es in Ihrer Straße jemanden mit medizinischen Kenntnissen? Hat jemand einen Garten, einen Brunnen, einen Generator? Informelle Netzwerke sind in einer Krise mehr wert als jedes Einzelprodukt.

8.2 Urbane Verwundbarkeit

Ein roter Faden durch alle Risikoanalysen: Die Verwundbarkeit steigt mit dem Urbanisierungsgrad. Die Studie des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) macht es plastisch: In Ballungsräumen sind „größere Bevölkerungsgruppen von Unterernährung betroffen” (TAB 2011: 50) – schneller und gravierender als in ländlichen Gebieten. Die Gründe sind strukturell:

Just-in-Time-Versorgung ohne lokale Puffer. Vollständige Abhängigkeit von digitaler Infrastruktur. Hohe Bevölkerungsdichte bei geringer Selbstversorgungsfähigkeit. Fehlende Anbauflächen, fehlender Zugang zu Grundwasser, fehlende alternative Energiequellen. Anonymität der Nachbarschaften, die in einer Krise zu Isolation wird.

Die Klimawirkungs- und Risikoanalyse (KWRA) zeigt zudem, dass „dicht besiedelte, urbane Räume wie das Ruhrgebiet, die Rhein-Main-Neckar Region und Berlin” zu den klimatischen Hotspots gehören (Umweltbundesamt – UBA 2022: 10). Hitze in der Stadt ist kein Komfortproblem – sie ist ein Gesundheitsrisiko, das bei älteren und vorerkrankten Menschen tödlich sein kann.

Für Stadtbewohner ist die Schlussfolgerung: Die Vorsorgeschwelle liegt höher. Wo ein Landhaushalt mit Garten und Brunnen einen mehrtägigen Stromausfall vergleichsweise gut übersteht, wird dieselbe Situation in einer Mietwohnung im sechsten Stock ohne Aufzug, ohne Wasservorrat und ohne Kochmöglichkeit schnell kritisch.

8.3 Vorsorge, Prepping und Selbstschutz

In der öffentlichen Debatte wird „Prepping” häufig mit Bunkern, Waffen und Endzeitstimmung assoziiert. Das Bild ist verzerrt. Die Realität der Prepper-Community reicht von der Familie mit einem 30-Tage-Vorrat über den Kleingartenbesitzer mit Regenwassertank bis zum ehemaligen THW-Helfer, der seinen Keller systematisch ausgestattet hat. Viele dieser Menschen haben während COVID als Erste verstanden, was kommt – und wurden dafür belächelt, stigmatisiert oder als Panikmacher abgetan.

Die Pandemie hat eine unbequeme Wahrheit offengelegt: Wer im Februar 2020 Vorräte anlegte, galt als Panikmacher. Im März 2020 waren die Regale leer. Wer die Abhängigkeit von Lieferketten kritisierte, wurde ignoriert. Dann blockierte die Ever Given den Suezkanal. Wer die Gasabhängigkeit von Russland als Sicherheitsrisiko benannte, galt als Kalter Krieger. Dann kam der 24. Februar 2022. Das bedeutet nicht, dass jede Warnung aus der Prepper-Szene berechtigt war. Aber es bedeutet, dass die pauschale Abqualifizierung vorausschauender Vorsorge als „Spinnerei” ein Fehler war – ein Fehler, den sich dieses Paper nicht erlaubt.

Dieses Paper verwendet den Begriff „Vorsorge” – nicht als Abgrenzung vom Prepping, sondern weil er im Kontext einer quellenbasierten Analyse der treffendere Begriff ist. Die Sache selbst ist dieselbe: die offiziellen Empfehlungen ernst nehmen, die offiziellen Szenarien kennen und die Lücke zwischen beiden mit eigenem Handeln schließen.

Die Konzeption Zivile Verteidigung (KZV) formuliert die Erwartung des Staates an seine Bürger: „Die Bevölkerung trägt durch eigene Vorsorgemaßnahmen im Rahmen des Selbstschutzes zur Verringerung des Bedarfs an Notversorgungsleistungen bei” (BMI 2016: 42–43). Im Klartext: Der Staat rechnet damit, dass Sie sich selbst helfen. Er sagt es nur ungern so direkt.

9. Fazit und Ausblick

9.1 Kernerkenntnisse

Diese Analyse hat offizielle Quellen – Risikoanalysen, Strategiedokumente, Lageberichte, internationale Studien – zusammengeführt und auf ihre Bedeutung für die Zivilbevölkerung in Deutschland hin ausgewertet. Die wesentlichen Erkenntnisse:

▶︎ Die Bedrohungslage ist real und vielschichtig. Deutschland sieht sich einem Spektrum von Risiken gegenüber, das von hybrider Kriegsführung über Klimaextreme bis zu Versorgungskrisen reicht. Viele dieser Risiken sind nicht zukünftig – sie sind gegenwärtig.

▶︎ Einzelrisiken sind beherrschbar. Kaskadeneffekte sind es nicht. Die Fragmentierung der behördlichen Analyse – jede Institution betrachtet ihren Bereich – verdeckt die eigentliche Gefahr: das Zusammenwirken mehrerer Krisen. Ein Cyberangriff während einer Hitzewelle, eine Energiekrise bei gleichzeitiger Lieferkettenstörung, eine Pandemie in einer polarisierten Gesellschaft diese Kombinationen sind realistischer als isolierte Einzelszenarien.

▶︎ Der Staat plant – aber langsam. Zwischen der Erkenntnis, dass sich die Sicherheitslandschaft fundamental verändert hat (spätestens 2022), und der Umsetzung wirksamer Schutzmaßnahmen liegen Jahre. Das KRITIS-Dachgesetz ist ein Fortschritt – aber es gibt den Betreibern vier Jahre Zeit für die erste Risikoanalyse. Die KZV wird seit 2016 fortgeschrieben. Die TAB-Studie zum Blackout wurde seit 2011 nie aktualisiert.

▶︎ Die Bevölkerung wird gebraucht, aber nicht ausreichend vorbereitet. Der Staat sagt in seinen eigenen Dokumenten, dass Selbstschutz und Eigenverantwortung die Basis des Zivilschutzes sind. Gleichzeitig bleibt unklar, wie viele Bürger die empfohlenen Mindeststandards erfüllen – und die offiziellen Empfehlungen bleiben deutlich hinter den offiziellen Szenarien zurück.

▶︎ Urbane Verwundbarkeit ist das zentrale Problem. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung lebt in Verhältnissen, die bei einem mehrtägigen Infrastrukturausfall schnell kritisch werden. Just-inTime-Versorgung, digitale Abhängigkeit und fehlende Selbstversorgungsfähigkeit machen Stadtbewohner besonders verwundbar.

▶︎ Demografie verschärft jede Krise. 22 Prozent der Bevölkerung sind über 65, 17 Millionen leben allein, 90.000 sind dialysepflichtig, 6 Prozent sprechen kein Deutsch. Ein wachsender Teil der Bevölkerung kann sich im Krisenfall nicht selbst helfen – nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus strukturellen Gründen. Das Konzept „Selbstschutz als Basis des Zivilschutzes” stößt hier an seine Grenzen.

▶︎ Psychologie ist ein Krisenmultiplikator. Die Katastrophenforschung zeigt: Die Mehrheit der Menschen reagiert in Krisen nicht mit Panik, sondern mit Abwarten und Informationssuche – ein rationaler Reflex, der aber in akuten Lagen tödlich sein kann (Normalcy Bias). Hamsterkäufe erzeugen künstliche Engpässe. „Worried Well” überlasten Rettungssysteme. Und bei langandauernden Krisen akkumuliert sich die psychische Belastung – der zweite Lockdown war härter als der erste. Zwei Drittel der Bevölkerung sind resilient. Aber das verbleibende Drittel – überwiegend alt, allein, krank, arm – braucht Strukturen, die es heute nicht gibt.

▶︎ KI verändert die Risikolandschaft. Nicht durch spekulative Superintelligenz-Szenarien, sondern durch reale Auswirkungen: KI-gestützte Desinformation, automatisierte Cyberangriffe, Arbeitsmarktumbrüche. Dass die führenden KI-Entwickler selbst das Risiko ihrer Technologie mit Pandemien und Nuklearkrieg vergleichen, ist ein Signal, das diese Analyse ernst nimmt.

9.2 Was bis 2030 passieren wird

Auf Basis der Quellenanalyse lassen sich drei Aussagen treffen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zutreffen:

▶︎ Erstens: Extremwetterereignisse werden häufiger und intensiver. Das ist keine Prognose, sondern eine Fortschreibung bestehender Trends, die durch alle verwendeten Klimaquellen bestätigt wird.

▶︎ Zweitens: Hybride Angriffe auf Deutschland werden zunehmen. Die BAKS sieht die russische Angriffskapazität gegen die NATO bis 2029 wiederhergestellt. Die Phase bis dahin wird durch verstärkte hybride Operationen gekennzeichnet sein.

▶︎ Drittens: Mindestens eine größere Krise wird eintreten, die über regionale Extremwetterereignisse hinausgeht. Ob es ein Cyberangriff auf kritische Infrastruktur sein wird, eine Energieversorgungskrise, eine neue Pandemie oder etwas, das wir noch nicht auf dem Schirm haben – die Dichte der Risiken macht ein ereignisloses Jahrzehnt unwahrscheinlich.

9.3 Handlungsempfehlung

Dieses Paper gibt keine Checklisten. Die gibt es beim BBK, und sie sind gut. Was dieses Paper gibt, ist eine Grundlage für informierte Entscheidungen.

Die offiziellen Quellen – die Risikoanalysen des Bundes, die KZV, die Nationale Sicherheitsstrategie, die internationalen Berichte – zeichnen ein Bild, das ernster ist, als die tägliche Nachrichtenlage vermuten lässt. Nicht weil eine Katastrophe bevorsteht, sondern weil die Verwundbarkeit größer ist, als den meisten Menschen bewusst ist. Und weil die Lücke zwischen dem, was der Staat für möglich hält, und dem, worauf die Bevölkerung vorbereitet ist, zu groß ist.

Diese Lücke zu schließen ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Und eine persönliche.

Wer die Quellenlage dieses Papers für den eigenen Verantwortungsbereich nutzen möchte – ob als Grundlage für betriebliche Vorsorge, als Briefing für Entscheidungsträger oder als Ausgangspunkt für eigene Analysen – erreicht den Autor unter christian.dost@earthtrail.de.

Anhang A: Risikomatrix (Gesamtübersicht)

Anhang B: Glossar

AGI – Artificial General Intelligence (Allgemeine Künstliche Intelligenz) BAKS – Bundesakademie für Sicherheitspolitik BBK – Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe BfS – Bundesamt für StrahlenschutzBKA – Bundeskriminalamt BMI – Bundesministerium des Innern BMVg – Bundesministerium der Verteidigung BSI – Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik CAIS – Center for AI Safety CBRN – Chemisch, biologisch, radiologisch, nuklear DWD – Deutscher Wetterdienst EFAS – European Flood Awareness System IEA – International Energy Agency IPCC – Intergovernmental Panel on Climate Change IW – Institut der deutschen Wirtschaft KRITIS – Kritische Infrastrukturen KWRA – Klimawirkungs- und Risikoanalyse KZV – Konzeption Zivile Verteidigung LÜKEX– Länder- und ressortübergreifende Krisenmanagementübung NEMP – Nuklearer elektromagnetischer Impuls OPLAN DEU – Operationsplan Deutschland SK I/II – Sichtungskategorie I (sofort) / II (dringend) bei Triage SWP – Stiftung Wissenschaft und Politik TAB – Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag UBA – Umweltbundesamt UNCTAD – United Nations Conference on Trade and Development WEF – World Economic ForumZOES – Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit ZSKG – Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz

Anhang C: Quellenverzeichnis

Aufgeführt sind alle im Paper zitierten Quellen. Online-Quellen enthalten das Abrufdatum des letzten Zugriffs.

Behördliche und staatliche Quellen

BBK (2025): Vorsorgen für Krisen und Katastrophen. Ratgeber für die persönliche Notfallvorsorge. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Neuauflage Oktober 2025. URL: https://www.bbk.bund.de/DE/Warnung-Vorsorge/Vorsorge/vorsorge_node.html [Abruf: 15.04.2026].

BBSR (2025): Haushaltsprognose 2045. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. URL: https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/presse/presseinformationen/2025/haushaltsprognose-2045.html [Abruf: 12.04.2026].

BMI (2016): Konzeption Zivile Verteidigung (KZV). Bundesministerium des Innern. URL: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/themen/bevoelkerungsschutz/konzeption-zivile-verteidigung.html [Abruf: 10.03.2026].

BSI (2025): Die Lage der IT-Sicherheit in Deutschland 2025. Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. URL: https://www.bsi.bund.de/DE/Service-Navi/Publikationen/Lagebericht/lagebericht_node.html [Abruf: 15.04.2026].

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Destatis (2024): Künftige Bevölkerungsentwicklung in Deutschland. 15. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Statistisches Bundesamt. URL: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Bevoelkerungsvorausberechnung/_inhalt.html [Abruf: 12.04.2026].

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KRITISDachG (2026): KRITIS-Dachgesetz. Gesetz zur Umsetzung der CER-Richtlinie und zur Stärkung der Resilienz kritischer Anlagen. In Kraft seit März 2026. BT-Drucksache 21/2510.

Wissenschaftliche und politikberatende Analysen

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DGfN (2023): Nierenkrankheiten: Häufig und unterschätzt. Deutsche Gesellschaft für Nephrologie. URL: https://www.dgfn.eu/pressemeldung/pm-20231006-02-nierenkrankheiten-unterschaetzt.html [Abruf: 12.04.2026].

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Weitere im Text zitierte Quellen

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Carnegie Endowment (2026): Fertilizer Crisis Brief. Washington, D.C. URL [Abruf: 19.04.2026].

IEA (2026): Oil Market Report April 2026. International Energy Agency. URL [Abruf: 19.04.2026].

IW (2026): Auswirkungen eines steigenden Ölpreises auf die deutsche Wirtschaft. Institut der deutschen Wirtschaft. URL [Abruf: 19.04.2026].

UNCTAD (2026): Strait of Hormuz Disruptions: Implications for Global Trade and Development. URL [Abruf: 19.04.2026].

COVID-Aufarbeitung und Vertrauensverlust

BGH (2024): Beschluss StB 7/9/22 – Keine Strafbarkeit Nüßlein/Sauter (Maskenaffäre). Bundesgerichtshof.

Destatis (2023): Sterbefallzahlen und Übersterblichkeit 2022. Statistisches Bundesamt. URL [Abruf: 19.04.2026].

Europäische Kommission (2024): Standard-Eurobarometer 102, Herbst 2024. Vertrauen in nationale Institutionen. URL [Abruf: 19.04.2026].

Forsa (2021/2022): Vertrauen in politische Institutionen zur Jahreswende 2021/22. RTL/ntv Trendbarometer. Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen. URL [Abruf: 19.04.2026].

RKI (2024): COVID-19-Krisenstabsprotokolle (entschwärzt). Robert Koch-Institut. URL [Abruf: 19.04.2026].

Weitere im Text zitierte Quellen

An der Heiden, M., Muthers, S., Niemann, H., Buchholz, U., Grabenhenrich, L. & Matzarakis, A. (2019): Schätzung hitzebedingter Todesfälle in Deutschland zwischen 2001 und 2015. In: Bundesgesundheitsblatt, 62, S. 571–579. DOI: 10.1007/s00103-019-02932-y. URL [Abruf: 19.04.2026].

NIST (2005): Analysis of Published Accounts of the World Trade Center Evacuation. NIST NCSTAR 1-7A. National Institute of Standards and Technology. URL [Abruf: 19.04.2026].

Riley, P. (2012): On the probability of occurrence of extreme space weather events. In: Space Weather, Vol. 10, S02012. DOI: 10.1029/2011SW000734.

Tagesspiegel (2022): Schwere Vorwürfe: Deutschland wurde präzise gewarnt – die Bürger aber nicht. 10. August 2022. URL [Abruf: 19.04.2026].

Top Agrar (2026): Düngerpreise 2026 – Irankrieg treibt Harnstoff in Europa. URL [Abruf: 19.04.2026].

Anhang D: Bewertungsmethodik – Herleitung der Risikoindizes

Die Risikomatrix in Kapitel 4 und Anhang A enthält 17 bewertete Risiken. Die Werte für Eintrittswahrscheinlichkeit (E) und Folgenschwere (F) wurden wie folgt hergeleitet:

Quellengestützte Bewertung: Wo die verwendeten Quellen eine explizite Wahrscheinlichkeitsoder Schwerebewertung liefern, wurde diese als Ausgangspunkt übernommen. Beispiele: Das WEF-Ranking liefert relative Priorisierungen, die BSI-Lageberichte bewerten Bedrohungsniveaus, die CBRN-Risikoanalyse 2025 quantifiziert Schadensszenarien. Diese Quellenbewertungen wurden auf die 5-Punkte-Skala dieses Papers übertragen.

Eigene Einschätzung: Wo keine explizite Quellenbewertung vorliegt – was bei der Mehrheit der Risiken der Fall ist –, hat der Autor auf Basis der verfügbaren Evidenz eine begründete Einschätzung vorgenommen. In der Matrix ist nicht für jeden Einzelwert eine Quellenangabe möglich; die Bewertung beruht auf der Gesamtschau der in den jeweiligen Clustern (Kapitel 3) dargestellten Quellenlage.

Abgrenzung zu behördlichen Bewertungen: Die BBK-Risikoanalysen verwenden eine ähnliche Grundlogik (Eintrittswahrscheinlichkeit × Folgenschwere), arbeiten aber mit szenariospezifischen Parametern und feinerer Auflösung. Die Werte in diesem Paper sind nicht mit BBK-Bewertungen identisch oder direkt vergleichbar.

Anmerkung zur Energieversorgungskrise (Index 15): E=5 (eingetreten – Hormus-Blockade ist Realität). F=3 statt F=4, weil strategische Reserven (90 Tage, BMI 2016: 53) und LNG-Diversifizierung den unmittelbaren Schock abfedern. Die Kaskadeneffekte (Düngemittel, Lebensmittelpreise, soziale Spannungen) sind in Kapitel 5 dokumentiert. F=4 wäre vertretbar bei einer Blockade über mehrere Monate.