Naturschnur herstellen: Schnur aus Pflanzenfasern drehen
von Christian Dost | EarthTrail | Letzte Aktualisierung: 18. Juli 2026
Naturschnur herstellen ist eine der ältesten Outdoor-Techniken überhaupt: Der älteste bekannte Schnurfund ist über 40.000 Jahre alt. Gebraucht wird sie bis heute. Wer keine industriell gefertigte Schnur dabei hat, dreht sich Ersatz aus dem, was am Wegrand wächst. Aus den Fasern von Brennnessel, Lindenbast oder Weide entsteht mit einer einzigen Technik, dem gegenläufigen Zwirnen, eine tragfähige Schnur. Dieser Artikel zeigt dir, welche Pflanzen taugen und wie du die Fasern gewinnst und verdrehst. Und er sagt ehrlich, wo die Grenzen gegenüber Paracord liegen.
Die älteste Schnur der Welt
Schnurdrehen ist keine moderne Bushcraft-Mode. Der älteste bekannte Schnurfund stammt aus dem Abri du Maras in Südfrankreich: ein winziges Faserstück aus dem Innenbast eines Nadelbaums, gedreht von Neandertalern vor 41.000 bis 52.000 Jahren. Es ist damit älter als jede bekannte Höhlenmalerei. Die Forscher fanden drei Faserbündel, die einzeln verdreht und anschließend gegenläufig miteinander verzwirnt waren. Es ist genau das Prinzip, das du gleich selbst anwendest, nur mit drei Strängen statt mit zwei.
Dass so etwas überhaupt hält, liegt an den Fasern. Sie sitzen im Bast, der Faserschicht direkt unter der Rinde oder der Außenhaut eines Stängels, und geben der Pflanze ihren Halt. Die Brennnessel zählte in Europa neben Flachs und Hanf zu den wichtigsten Faserpflanzen überhaupt, und in Einzelfaser-Messungen erreicht sie Zugfestigkeiten in der Größenordnung von 1.500 Megapascal. Zugfestigkeit meint die Kraft pro Faserquerschnitt und nicht die Traglast einer fertigen Schnur. Deshalb lässt sich der Wert auch nicht mit den Kilogramm-Angaben von Paracord vergleichen. Eine handgedrehte Schnur holt davon ohnehin nur einen Teil heraus, weil Reibung und ungleichmäßige Verdrehung Kraft schlucken.
Welche Pflanzen Fasern liefern
Nicht jede Pflanze gibt eine Schnur her. Gefragt sind lange, reißfeste Bastfasern. Grashalme wirken naheliegend, taugen aber kaum, weil sie unter Zug brechen statt sich zu biegen.
Die verlässlichen Faserlieferanten
Die Große Brennnessel (Urtica dioica) ist der Klassiker. Ihre Stängelfasern sind lang, fein und sehr stark, und Stängel mit einem violetten Schimmer geben oft die besseren Fasern. Bei Bäumen nimmst du den Rindenbast von Linde, Ulme oder Weide. Die Brombeere (Rubus) liefert ebenfalls brauchbares Material: Von jungen, noch grünen Ranken ziehst du Dornen und Haut ab und schälst die zähen Innenfasern heraus. Weniger belastbar, dafür schnell zu haben sind Blattfasern von Rohrkolben (Typha) und Binsen.
Wurzeln als Sonderfall
Eine eigene Klasse sind Fichtenwurzeln. Die flach unter der Oberfläche verlaufenden Wurzeln lassen sich ausgraben, schälen und nach dem Wässern der Länge nach spalten. Damit wird seit Jahrhunderten genäht und gebunden. Die indigenen Völker Nordamerikas nähten ihre Rindenkanus mit gespaltener Fichten- und Zedernwurzel, dem sogenannten watap, das feucht gehalten wurde, damit es biegsam blieb. Zum feinen Zwirnen sind Wurzeln zu steif, für Bindungen und Nähte dagegen ideal.
Die Saison entscheidet mit
Baumbast löst sich am besten im Frühsommer, etwa von Mai bis Juli, wenn der Saft steigt und sich die Rinde leicht vom Stamm zieht. Brennnesseln erntest du für lange Fasern im Spätsommer, wenn die Stängel ausgereift sind. Im Winter arbeitest du mit abgestorbenen, noch stehenden Brennnesselstängeln. Deren Fasern liegen bereits frei, sind aber spröder.
Fasern gewinnen
Der größte Teil der Arbeit steckt hier und nicht im Drehen.
Brennnessel aufschließen
Aufschließen heißt, die langen Fasern aus dem Stängel freizulegen. Schneide den Stängel bodennah und streife die Blätter ab. Mit einem Stück Holz oder dem Messerrücken quetschst du ihn längs, bis der holzige Kern splittert. Dann brichst du den Kern in kurzen Stücken heraus und ziehst die Faserbänder ab. Frisch geerntet lassen sie sich gut trennen. Getrocknete Fasern feuchtest du vor dem Verarbeiten leicht an, dann werden sie geschmeidig und reißen weniger. Sind sie steif geworden, klopfst du sie weich oder ziehst sie über eine Kante, bis sie wieder biegsam sind. Dabei lösen sich auch die letzten Holzreste.
Profi-Kniff: Lässt du die Stängel ein bis zwei Tage feucht anrotten, das sogenannte Rösten (fachlich Retting), löst sich die Faser leichter vom Holz. Übertreib es nicht, denn zu langes Rösten baut die Faser ab und kostet Festigkeit.
Baumbast lösen
Bei Linde oder Weide schneidest du einen glatten Rindenstreifen ab und trennst die weiche Innenseite, den Bast, von der harten Außenrinde. Die Bastbänder lassen sich in dünnere Streifen aufspalten. Je feiner sie sind, desto gleichmäßiger wird die Schnur. Ein scharfes Messer hilft hier mehr als Kraft.
Gegenläufiges Zwirnen: die Technik
Das Prinzip heißt Reverse-Wrap. Du drehst zwei Faserbündel in die eine Richtung ein und wickelst sie in die andere Richtung umeinander. Weil beide Drehungen gegeneinander arbeiten, kann sich die Schnur nicht von selbst aufdrehen.
S-Drall und Z-Drall
Fachleute benennen die Drehrichtung mit zwei Buchstaben. Verlaufen die Fasern schräg wie der Mittelbalken eines Z, spricht man von Z-Drall. Verlaufen sie andersherum wie beim S, ist es S-Drall. Die Buchstaben sagen also nur, in welche Richtung gedreht wurde. Beim Schnurdrehen kommen beide vor: Die einzelnen Stränge bekommen die eine Richtung, das Zusammenwickeln läuft in der anderen. Ob du Z-gedrehte Stränge S-herum verzwirnst oder umgekehrt, ist egal, solange die beiden Richtungen entgegengesetzt sind.
Und so drehst du die Schnur:
- Startpunkt setzen. Nimm ein Faserbündel und dreh es ein, bis es sich von selbst knickt. Setz diese Knickstelle bewusst nicht in die Mitte, sondern versetzt. Dann sind die beiden Hälften unterschiedlich lang, und die späteren Faseransätze liegen automatisch versetzt.
- Oberen Strang eindrehen. Halte die beiden Hälften getrennt. Das obere Bündel drehst du von dir weg fest ein.
- Gegenläufig überschlagen. Führe den eingedrehten oberen Strang nach unten über den anderen. Jetzt liegt der bisher untere Strang oben.
- Wiederholen. Immer derselbe Ablauf: oberen Strang von dir weg eindrehen, nach unten überschlagen.
- Fasern nachsetzen. Wird ein Strang dünn oder neigt sich dem Ende, legst du ein neues Faserbündel mit etwa fünf bis zehn Zentimetern Überlappung an das auslaufende Ende, hältst beides zusammen und drehst es beim nächsten Zug einfach mit ein. Setz immer nur einen Strang nach und nie beide an derselben Stelle, weil die Schnur sonst genau dort eine Schwachstelle bekommt.
Die Schnur doppeln
Für ein dickeres Seil verzwirnst du fertige Schnur ein zweites Mal. Dafür gibt es zwei Wege. Entweder legst du zwei fertige Zwei-Fach-Schnüre nebeneinander und verzwirnst sie miteinander. Oder du drehst eine doppelt so lange Zwei-Fach-Schnur und behandelst sie wie ein einzelnes Faserbündel: in der Mitte knicken, und schon hast du wieder zwei Enden.
Die Regel bleibt dieselbe wie im ersten Durchgang. Deine beiden Stränge tragen bereits einen Drall aus dem Zwirnen, also wickelst du sie jetzt in die Gegenrichtung zusammen. Hattest du vorher S-herum verzwirnt, geht es nun Z-herum. Heraus kommt ein Vier-Fach-Seil.
Fehler und Grenzen
Diese fünf Fehler führen dazu, dass die Schnur später nicht hält oder die Arbeit unnötig lange dauert:
- Grashalme und frische Blätter. Ihnen fehlen die Bastfasern, sie brechen unter Zug.
- Frisches, nicht getrocknetes Material. Es schrumpft beim Trocknen, und die Wicklung wird locker.
- Ein einzelner Faden ohne Gegendrall. Er trägt fast nichts. Erst die gegenläufige Verdrehung macht die Schnur stark.
- Beide Stränge an derselben Stelle nachgesetzt. Genau dort reißt sie später.
- Die Zeit unterschätzt. Fasern gewinnen und drehen dauert deutlich länger, als die meisten erwarten.
„Alle unterschätzen die Zeit. Für einen Meter sitzt du beim ersten Mal eine halbe Stunde da. Deswegen übt man das vorher und nicht dann, wenn man es wirklich braucht." – Christian Dost, EarthTrail
Naturschnur gegen Paracord
Fabrikschnur ist in fast jeder Hinsicht überlegen. 550er Paracord (Mil-Spec MIL-C-5040H, Typ III) trägt rund 250 Kilogramm, besteht aus Nylon, verrottet nicht und liefert auf jedem Meter dieselbe Leistung. Eine handgedrehte Brennnesselschnur kommt auf einen Bruchteil davon, verliert nass an Festigkeit und zersetzt sich mit der Zeit.
Dafür wächst Naturschnur dort, wo du gerade bist, und du musst sie nicht im Rucksack herumtragen. Für Lagerbau, Bindungen, einfache Fallen und Reparaturen reicht sie, auch wenn die Herstellung Zeit kostet. Für alles, woran ein Menschenleben hängt, reicht sie nicht.
Warum zwei gleiche Schnüre unterschiedlich reißen
Die Bruchlast von Naturschnur lässt sich nicht kalkulieren, weil schon das Rohmaterial streut. Wie fest eine Pflanzenfaser ist, hängt vom Standort ab, also von Boden, Licht und Trockenstress im Wuchsjahr, und von der Genetik der einzelnen Pflanze. Zwei Brennnesseln vom selben Wegrand können unterschiedlich starke Fasern liefern.
Dazu kommen Fehlerstellen, die schon in der Faser stecken. Bastfasern tragen mikroskopische Knickzonen, in der Fachsprache Dislokationen oder Kink-Bands. Unter Zug bündelt sich dort die Spannung, und genau an diesen Stellen reißt die Faser zuerst. Das Quetschen und Schaben beim Fasergewinnen erzeugt weitere Schwachstellen.
Und dann ist da die Handarbeit. Niemand dreht über einen ganzen Meter völlig gleichmäßig. Die Dichte schwankt, die Dicke wechselt, die Spannung sitzt mal fester und mal loser. Jede dieser Stellen kann zur Bruchstelle werden.
Dagegen hilft nur testen. Zieh ein Stück der fertigen Schnur langsam steigernd auf Zug, bevor du dich darauf verlässt. Reißt sie früh, drehst du dicker oder legst eine weitere Lage dazu.
„Naturschnur ist ein Rückfallnetz, kein Ersatz fürs Seil. Wir nutzen sie fürs Lager und für Reparaturen. Für alles, was sicherheitsrelevant ist, kommt sie uns nicht in die Hand." – Christian Dost, EarthTrail
Auf einen Blick
Brauchbare Naturschnur kommt aus Bastfasern wie Brennnessel, Lindenbast oder Weide. Der größte Teil der Arbeit steckt im Fasergewinnen, nicht im Drehen. Die Technik bleibt immer dieselbe: die Stränge in die eine Richtung eindrehen, in der Gegenrichtung umeinander wickeln, Fasern versetzt nachsetzen. Für Lager, Bindungen und Reparaturen reicht das Ergebnis. Als Ersatz für Paracord oder für alles Sicherheitsrelevante nicht.
Häufige Fragen
Die Große Brennnessel liefert die besten Fasern: lang, fein und sehr reißfest. Als Alternative funktioniert der Bast von Linde, Ulme, Weide oder Brombeere, für Bindungen auch gespaltene Fichtenwurzeln. Grashalme und frische Blätter taugen nicht, weil ihnen die Bastfasern fehlen.
Deutlich schwächer als Fabrikschnur. Die reine Brennnesselfaser erreicht im Labor Zugfestigkeiten in der Größenordnung von 1.500 MPa, die handgedrehte Schnur nur einen Bruchteil davon. Zum Vergleich: 550er Paracord trägt rund 250 kg. Für Lagerbau und Bindungen reicht Naturschnur, für lastkritische Zwecke nicht.
Baumbast von Linde oder Weide löst sich am besten im Frühsommer, etwa Mai bis Juli, wenn der Saft steigt. Brennnesseln erntest du für lange Fasern im Spätsommer. Im Winter arbeitest du mit abgestorbenen, noch stehenden Brennnesselstängeln.
Am einfachsten mit Handschuhen. Ohne Handschuhe greifst du fest zu und streifst von unten nach oben, also mit der Wuchsrichtung der Brennhaare. Nach dem Trocknen brennt die Faser nicht mehr.
Nur bedingt. Pflanzenfaser verliert nass an Festigkeit und zersetzt sich mit der Zeit. Trocken gelagert hält eine gut gedrehte Schnur lange, dauerhaft feucht verrottet sie. Paracord aus Nylon ist hier klar überlegen.