Rettungsdecke: Welche Seite nach oben? Wärmeerhalt bei Verletzten

von Christian Dost | EarthTrail | Letzte Aktualisierung: 4. Juni 2026

Wie rum die Rettungsdecke gehört, ist eine der häufigsten Fragen in unseren Erste-Hilfe-Kursen. Doch wer einen Verletzten versorgt und zuerst über die Seitenwahl nachdenkt, hat die falsche Frage im Kopf. Für den Wärmeschutz ist es nämlich nahezu egal, ob Gold oder Silber außen liegt: Beide Seiten reflektieren bis zu 90 Prozent der Körperwärme. Entscheidend ist, dass du den Verletzten schnell und vollständig einpackst und gegen den kalten Boden isolierst. Da geht die meiste Wärme verloren, nicht über die Seitenwahl. Dieser Artikel zeigt die Technik aus der Erste-Hilfe-Praxis: Bodenisolierung, Einwickeln statt Zudecken, Anlegen über der Kleidung. Und warum Auskühlung bei Verletzten mit Blutverlust lebensgefährlich wird.

Warum Wärmeerhalt über Leben entscheidet

Ein Mensch verliert draußen ständig Wärme. Im Sitzen strahlt der Körper rund 120 Watt ab, ungefähr so viel wie eine helle Glühbirne. In Bewegung steigt das auf bis zu 360 Watt. Solange du gehst und der Kreislauf läuft, gleicht der Körper das aus. Liegt jemand verletzt am Boden, kippt diese Bilanz. Schmerz, Blutverlust und Bewegungslosigkeit senken die Wärmeproduktion, während Boden, Wind und feuchte Kleidung weiter Wärme ziehen.

Das ist kein Komfortproblem. Bei Verletzten mit Blutverlust gehört Unterkühlung zur sogenannten tödlichen Triade (lethal triad) aus Unterkühlung, Übersäuerung des Blutes und gestörter Blutgerinnung. Die drei verstärken sich gegenseitig. Kälte verschlechtert die Gerinnung (Koagulopathie), die Blutung hält an, der Körper kühlt weiter aus. Vereinfacht: Ein unterkühlter Körper hört schlechter auf zu bluten. Auskühlung ist hier kein Nebenschauplatz, sondern beschleunigt den Verlauf.

Deshalb steht der Wärmeerhalt im strukturierten Notfallschema fest verankert. Im ABCDE-Schema ist das „E“ für Environment und Exposure zuständig, also Umgebung und Auskühlungsschutz. Wer Atemwege und Kreislauf versorgt hat, darf den Verletzten danach nicht auf dem kalten Boden liegen lassen.

Gold oder Silber: Welche Seite der Rettungsdecke nach oben?

Der häufigste Irrtum gleich vorweg: Die Farbseite entscheidet nicht über die Wärmewirkung. Eine Rettungsdecke besteht aus einer dünnen Kunststofffolie (Polyethylenterephthalat, kurz PET), die mit einer hauchdünnen Aluminiumschicht bedampft ist. Diese Aluminiumschicht reflektiert die Wärmestrahlung, und sie tut das auf beiden Seiten. Die unterschiedliche Färbung entsteht nur durch die Beschichtung, nicht durch zwei verschiedene Materialien.

Eine Untersuchung der Medizinischen Universität Innsbruck hat die Folien physikalisch vermessen. Das Ergebnis: Die Abstrahlung der Aluminiumschicht ist vernachlässigbar gering, der allergrößte Teil der Wärmestrahlung wird reflektiert, unabhängig davon, welche Seite oben liegt. In der Praxis reflektiert die Folie bis zu 90 Prozent der vom Körper abgegebenen Wärmestrahlung. Ob Gold oder Silber außen, macht für den Verletzten keinen klinisch messbaren Unterschied.

Es gibt eine sinnvolle Faustregel, aber sie hat einen anderen Grund. Liegt die goldene Seite außen, ist der Verletzte für Retter besser sichtbar, besonders im Schnee. Geht es dagegen um die größtmögliche Auffälligkeit in der Sonne, blinkt die silberne Seite stärker. Das ist eine Frage der Auffindbarkeit, keine Frage der Wärmephysik.

„Im Kurs sehe ich oft, wie Leute zwei Minuten über die richtige Seite diskutieren, während der Verletzte auf nassem Waldboden liegt. Der Boden zieht ihm in der Zeit mehr Wärme aus dem Körper, als die Seitenwahl je ausmachen könnte.“ – Christian Dost, EarthTrail

Wie die Rettungsdecke überhaupt funktioniert

Entwickelt wurde das Material in den 1960er-Jahren von der NASA. Die Raumkapseln wurden in der Sonne zu heiß, man brauchte eine reflektierende Folie. 1978 kam die Decke erstmals im zivilen Alltag zum Einsatz, beim New-York-Marathon reichte man sie den Läufern im Ziel zum Wärmeerhalt. Heute ist sie auch unter den Begriffen Rettungsfolie oder Notfalldecke geläufig.

Die Decke arbeitet gegen drei der vier Wege, auf denen der Körper Wärme verliert. Sie reflektiert die abgestrahlte Wärme (Radiation) zurück zum Körper. Sie hält Wind ab und stoppt damit den Wärmeabtransport durch Luftbewegung (Konvektion). Und sie ist wasserdicht, schützt also vor Verdunstungskälte durch Nässe (Evaporation). Was sie nicht kann: Wärme gegen direkten Kontakt halten. Gegen die Wärmeableitung über Kontaktflächen (Konduktion) hilft sie kaum. Deshalb gehört unter jeden Verletzten eine isolierende Schicht.

Richtig anwenden, Schritt für Schritt

Eine Rettungsdecke wirkt nur, wenn sie richtig sitzt. Die Reihenfolge ist hier nicht beliebig.

Zuerst der Boden. Bevor du den Verletzten einwickelst, kommt etwas zwischen ihn und die Erde. Isomatte, Rucksack, Reisig... irgendetwas, das isoliert. Über direkten Kontakt verliert der Körper Wärme um ein Vielfaches schneller als an die umgebende Luft. Wie stark dieser Effekt ist, zeigt kaltes Wasser: Weil es lückenlos am Körper anliegt, entzieht es ihm Wärme bis zu 25-mal schneller als Luft. Feuchter, kalter Boden arbeitet nach demselben Prinzip. Wer den Verletzten nur von oben zudeckt und unten auf der Erde liegen lässt, hat die Hälfte vergessen.

Dann einpacken, nicht zudecken. Die Decke wird um den Körper gewickelt, nicht lose aufgelegt. Priorität hat der Körperstamm: Rumpf und Kopf müssen umwickelt und warm gehalten werden, dort sitzen die lebenswichtigen Organe und über den Kopf geht spürbar Wärme verloren. Die Extremitäten können warten. Ein Spalt am Gesicht bleibt zum Atmen frei.

Über der untersten Kleidungsschicht. Die Bergrettung legt die Folie über die innerste Bekleidungsschicht, nicht auf die nackte Haut. Den größten Effekt erzielst du, wenn zusätzliche Kleidung wie Pullover oder Jacke danach wieder darüber gezogen wird: Die Folie reflektiert die Strahlungswärme, die Kleidung darüber isoliert. Wickelt man den Verletzten fest ein, hält die Decke von selbst, muss nicht festgehalten werden, und der Verletzte bleibt halbwegs beweglich.

Eine vollständige Erste-Hilfe-Routine geht über die Decke hinaus. Was sonst noch ins Gepäck gehört, steht im Erste Hilfe Outdoor Set. Und geübt wird das am besten dort, wo echte Notfälle passieren: Im Medic Responder / Outdoor Erste Hilfe Kurs trainierst du Wärmeerhalt und Verletztenversorgung an realistischen Fallbeispielen.

Was nicht funktioniert

Direkt auf die nackte Haut. Die metallbedampfte Folie leitet bei direktem Hautkontakt Wärme ab, statt sie zu halten. Sie gehört über die Kleidung, nicht darunter. Der Grund: Die dünne Luft- und Kleidungsschicht zwischen Haut und Folie erwärmt sich durch die zurückgestrahlte Wärme und wirkt als zusätzliches Isolierpolster. Ohne diese Schicht fließt die Wärme direkt ins Aluminium ab.

Lose umhängen bei Wind. Eine offen flatternde Decke reißt bei Sturm und Kälte schnell ein und hält keine Wärme. Fest umwickelt hält sie, lose aufgelegt ist sie nach der ersten Böe weg.

Komplett einwickeln, während noch gesucht wird. Das klingt paradox, ist aber belegt. Die Innsbrucker Messungen zeigen, dass eine einlagige Rettungsdecke rund 82 Prozent der Infrarotstrahlung blockiert. Für eine Wärmebildkamera, etwa aus einem Suchhubschrauber, verschwindet die eingewickelte Person damit praktisch. Wer noch gefunden werden muss, lässt einen Teil frei oder legt die Decke erst an, wenn der Kontakt steht.

Alte, spröde Decken. Einmal benutzte und wieder zusammengefaltete Folien bekommen Risse und Knicke. Für den Ernstfall gehört eine intakte, originalverpackte ins Gepäck.

Sich allein auf die Decke verlassen. Die Rettungsdecke reflektiert vorhandene Wärme, sie erzeugt keine. Bei jemandem, der bereits deutlich unterkühlt ist und kaum noch Wärme produziert, reicht das Reflektieren nicht. Dann braucht es zusätzlich eine aktive Wärmequelle, etwa warme Getränke, wenn die Person noch wach und schluckfähig ist, oder zugeführte Körperwärme. Wie du die Stadien einer Unterkühlung unterscheidest, steht im Hypothermie-Artikel.

Hinweis: Eine Rettungsdecke ersetzt keine medizinische Versorgung. Sie hält Wärme, sie behandelt keine Verletzung. Bei Verdacht auf stärkere Unterkühlung oder schwere Verletzungen immer den Notruf absetzen (112 in Deutschland und EU-weit).

Im Praxisfall: Sprunggelenk, 8 Grad, feuchter Boden

Eine Mitwanderin knickt um, das Sprunggelenk hält nicht mehr. Acht Grad, der Waldboden ist klamm, bis zur Rettung dauert es geschätzt 45 Minuten. Sie sitzt, bewegt sich kaum, der Körper fährt die Wärmeproduktion herunter.

Zuerst kommt der Rucksack unter sie, dann eine Isomatte oder ein Bündel trockenes Reisig. Erst danach die Rettungsdecke, fest um Rumpf und Beine gewickelt, der Kopf mit drin, das Gesicht frei. Welche Seite außen liegt, kostet keine Sekunde Gedanken. Was zählt, ist die geschlossene Hülle und die Schicht zwischen ihr und dem Boden.

Auf einen Blick

Für den Wärmeschutz spielt es keine messbare Rolle, ob die goldene oder silberne Seite der Rettungsdecke außen liegt. Beide reflektieren bis zu 90 Prozent der Körperwärme. Wichtiger als die Seitenwahl sind drei Dinge: die Isolierung gegen den kalten Boden, das vollständige Einwickeln statt bloßes Zudecken und das Anlegen über der Kleidung statt auf der Haut. Bei Verletzten mit Blutverlust ist Wärmeerhalt kein Komfort, sondern wirkt der gefährlichen Kette aus Unterkühlung und gestörter Gerinnung entgegen.

Häufige Fragen

Wie rum kommt die Rettungsdecke?

Für den Wärmeerhalt ist es nahezu egal. Beide Seiten reflektieren die Körperwärme fast gleich gut. Eine verbreitete Faustregel ist, die goldene Seite nach außen zu legen, damit der Verletzte für Retter besser sichtbar ist. Das ist aber eine Frage der Auffindbarkeit, nicht der Wärme.

Welche Seite wärmt, welche kühlt?

Keine Seite wärmt aktiv, beide reflektieren nur die vorhandene Körperwärme. Die Decke erzeugt selbst keine Wärme. Entscheidend ist nicht die Seitenwahl, sondern dass die Hülle geschlossen ist und der Verletzte vom Boden isoliert liegt.

Warum hat die Rettungsdecke zwei Farben?

Die silberne Seite zeigt die Aluminiumbeschichtung, die goldene die eingefärbte Kunststofffolie. Beim Wärmeschutz verhalten sich beide Seiten nahezu gleich, die Farben helfen vor allem, die Decke je nach Umgebung auffälliger auszurichten.

Darf die Rettungsdecke direkt auf die Haut?

Nein. Auf nackter Haut leitet die metallbedampfte Folie Wärme ab, statt sie zu halten. Sie gehört über die unterste Kleidungsschicht gelegt, damit sie die Strahlungswärme reflektiert.

Ist eine Rettungsdecke wiederverwendbar?

Theoretisch ja, praktisch nur eingeschränkt. Einmal benutzte Folien bekommen Knicke und Risse und verlieren im schlimmsten Fall ihre Funktionalität. Für den Notfall gehört eine intakte, originalverpackte Decke ins Gepäck.

Von der Theorie in die Praxis

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